112 - Der Notruf und was man darüber wissen sollte
In der frühen Kindheit, spätestens aber in der Schule wird einem bereits beigebracht, was sich hinter den Notrufnummern 112 und 110 verbirgt und bei welchen Situationen diese Nummern gewählt werden müssen. Der Notruf ist ein entscheidendes Glied in der bekannten Rettungskette.

Abb. 1: Die Rettungskette und der Stellenwert des Notrufs
Schüler kennen Notrufnummer nicht - Ersthelfer sind uninformiert
Leider zeigt eine Studie des Universitätsklinikums Rostock das Gegenteil. Nach einer Befragung von 10.000 Schülern in allen Bundesländern kommt die Studie zum Ergebnis, dass nur jeder fünfte Schüler die richtige Notrufnummer in Deutschland kennt. [1] Zudem zeigt die Erfahrung, dass auch die Auffrischung des Wissens über den korrekten Notruf regelmäßig im Erwachsenenalter erfolgen muss, damit im Fall der Fälle die richtige Nummer und damit der Notruf schnell und präzise abgesetzt werden kann. Dasselbe gilt übrigens auch für den Erste-Hilfe Kurs.
Häufig sind sich Ersthelfer an einem Unfallort unsicher, welche Nummer die richtige ist? Welche Nummer gilt in welchem Land? Was muss vor Ort getan werden? Welche Hilfe kann konkret erwartet werden? Welche Informationen werden benötigt? Welche Verpflichtungen als Ersthelfer gelten? Der folgende Beitrag soll dazu beitragen das wichtige Wissen über den korrekten Notruf aufzufrischen.
Notruf absetzen ist keine Routine
Gerade, weil die Situation, dass ein Notruf abgesetzt werden muss, so selten eintritt, unterschätzen viele Personen die Bedeutung einer regelmäßigen Überprüfung und Reflexion der Notrufmöglichkeiten, wenn es einmal zu einem Notfall kommt (z. B. Herzinfarkt, Schlaganfall, Verkehrsunfall, Hausunfall etc.). Besonders für Urlaubsreisen ist anzuraten, sich vor Reiseantritt über die vor Ort vorhandenen Notrufnummern und rettungsdienstlichen Infrastrukturen zu informieren.
Bei einer Reise innerhalb von Deutschland ist das relativ unproblematisch. Hier gilt einheitlich die Notrufnummer 112 für Rettungsdienst und Feuerwehr und die 110 für die Polizei. Zum Beispiel bei Verkehrsunfällen mit Personenschäden, bei denen ein Rettungswagen oder die Feuerwehr benötigt wird, ist immer die 112 die richtige Notrufnummer! Sollte nur die Polizei zur Unfallaufnahme benötigt werden, ist die 110 zu wählen. Grundsätzlich gilt aber, dass unabhängig vom Schadensbild beide Notrufnummern dazu geeignet sind, Hilfe anzufordern. In einigen Gebieten von Deutschland existiert zusätzlich die Nummer 19222. Diese Nummer ist ein Relikt aus vergangenen Zeiten und dient heute überwiegend zur Bestellung von Krankentransporten (keine Notrufnummer!). Während bei den Notrufnummern auch vom Handy keine Vorwahl gewählt werden muss, ist dies bei der 19222 zwingend erforderlich. Die Notrufnummern sind zudem gebührenfrei.
In 27 EU-Staaten gild die Notrufnummer 112
Für Reisende bzw. EU-Bürger gilt innerhalb der 27 Mitgliedstaaten der Europäischen Union seit 2008 die einheitliche Notrufnummer 112. Das erleichtert die schnelle Alarmierung von professioneller Hilfe enorm und rettet Leben! Dass es eine EU weit gültige Notrufnummer gibt, wissen nach einer Studie der EU, allerdings nur 18 % der Befragten in Deutschland.[2] Eigens um die Bekanntheit und das Wissen auf diesem Gebiet zu stärken, erklärte die Europäische Kommission, zusammen mit dem Europäischen Parlament und dem Rat der Europäischen Union den 11. Februar jeden Jahres als den „Tag des europäischen Notrufs“. An diesem Tag werden alljährlich im gesamten EU Raum Initiativen und Veranstaltungen zur Sensibilität und Aufklärung der Bürger durchgeführt.
Das sind die Standards
Wenn Sie in Deutschland in die unerwünschte Lage kommen, einen Notruf aufgrund zum Beispiel eines schweren Verkehrsunfalls auf einer Bundestraße absetzten zu müssen, ist Folgendes unbedingt zu beachten. Nachdem Sie die Unfallstelle abgesichert haben und sich einen ersten Überblick über die Anzahl der Beteiligten und „schwere“ der Verletzungen verschafft haben, wählen Sie die Notrufnummer 112 über ein Handy/Telefon (ggf. Notrufsäule), Sie erreichen hier den Rettungsdienst und die Feuerwehr.
Wenn der Notruf über Handy abgesetzt wird, ist dringend zu berücksichtigen, dass dies ausschließlich nur noch mit Handys mit SIM-Karte funktioniert. Aufgrund vieler Missbräuche der Notrufnummer (Scherzanrufe etc.) mit Handys ohne SIM-Karte, wurde diese Möglichkeit mit dem Inkrafttreten der Verordnung über Notrufverbindungen (NotrufV) am 01.01.2011 unterbunden.

Abb. 2: Die Rettungsleitstelle (Foto: M. Günther)
Wer nimmt den Notruf entgegen?
Am „anderen Ende der Leitung“ meldet sich der sogenannte Einsatzsachbearbeiter/in der Rettungsleitstelle binnen Sekunden meist mit den Worten „Notruf! Feuerwehr und Rettungsdienst, wo ist der Notfallort?“ Ab hier sollten Sie sich dann an der „5-Ws-Regel“ orientieren:
Die „5-Ws-Regel“ ,
- 1. Wer meldet?
Nennen Sie Ihren Namen, Ihren Standort und Ihre Telefonnummer für Rückfragen.
- 2. Wo ist das Ereignis?
Geben Sie den genauen Ort des Ereignisses an, z. B. Stadtteil, Straße-Hausnummer-Stockwerk, Besonderheiten wie Hinterhöfe; Straßentyp, Fahrtrichtung und Kilometerangaben an Straßen, Kilometerangaben an Bahnlinien oder Flüssen.
- 3. Was ist geschehen?
Beschreiben Sie knapp das Ereignis und das, was Sie konkret sehen, z. B. Brand, Explosion, Einsturz, Zusammenstoß, Absturz.
- 4. Wie viele Betroffene?
Schätzen Sie die Zahl der betroffenen Personen, ihre Lage und die Verletzungen.
- 5. Warten auf Rückfragen!
Legen Sie nicht gleich auf, der Mitarbeiter in der Leitstelle benötigt von Ihnen ggf. noch weitere Informationen.
Verbesserte Notrufabfrage bei Notfällen
Abweichend von der oben beschriebenen Regel mit den 5 Ws, was die Gefahr in sich birgt, dass der Dialog zu stark auf den Hilfesuchenden gelenkt wird, wurde in den Städten Hamburg, Berlin und Stralsund ein „Standardisiertes-Medizinisches-Abfrageprotokoll (SMAP)“ eingeführt. Das Abfrageprotokoll beinhaltet mehrere vorgegebene Fragen, die der Einsatzsachbearbeiter/in gezielt dem Hilfesuchenden stellt. Die Fragen bewegen sich auf mehreren verschiedenen Ebenen und beziehen sich unter anderem auf die Verletzungen, den Zustand und die Umgebung zum Patienten. Am Ende des Abfrageprotokolls wird eine präzisere Entscheidung und Alarmierung der vor Ort benötigten Hilfe ermöglicht. Der Hilfesuchende wird entlastet, da er nicht das Gefühl bekommt, etwas Wichtiges vergessen bzw. eine Bringschuld zu haben.
Nachdem der Einsatzsachbearbeiter/in mit Ihnen das Gespräch beendet hat, leisten Sie Hilfe, soweit Sie sich nicht selbst in Gefahr bringen! Erwarten Sie die Einsatzkräfte an der Straße! Helfen Sie den Rettungskräften beim Auffinden des Ereignisortes!
Der PC gibt Entscheidungshilfen vor, der Einsatzsachbearbeiter entscheidet
In allen Fällen wird der Einsatzsachbearbeiter in der Rettungsleitstelle nun anhand der Informationen, die er aus dem Notruf erhalten hat, entscheiden, welche Rettungsmittel vor Ort benötigt werden. Diese Entscheidung erfolgt standardmäßig PC unterstützt mittels dem sogenannten Einsatzleitsystem. Das Einsatzleitsystem kann auf Basis der eingetragenen Informationen (Einsatzstichwort) einen Vorschlag für die Anzahl, Art (z. B. Rettungswagen und Notarzteinsatzfahrzeug) und nächstgelegenen Rettungsmitteln ausgeben. Der Einsatzsachbearbeiter/in kann nun die Rettungsmittel alarmieren. Der Vorgang inklusive Notrufabfrage sollte normalerweise nicht länger als 1:30 Minuten dauern.
Fazit: Aus dieser sehr kurzen Darstellung wird ersichtlich, wie wichtig der Notruf innerhalb der Rettungskette ist. Der richtige Notruf rettet Leben und darf nicht das schwächste Glied der Kette werden. Ein „Tag des europäischen Notrufs“ ist daher sehr begrüßenswert und für die Sensibilisierung der Bevölkerung wichtig.
Häufig sind Ängste und Aufregung bei Unglücksfällen dominierend. Auch wenn Sie sich nicht in der Lage fühlen direkt Hilfe zu leisten, ist die Wahl der Notrufnummer immer zuzumuten. Haben sie keine Angst oder Sorge und rufen Sie im Zweifel immer Hilfe! Verlassen Sie sich nicht darauf, dass Andere den Notruf wählen!
Auswahl an Links:
http://ec.europa.eu/deutschland/press/pr_releases/8997_de.htm
http://www.leitstelle-nord.de/index.phtml
http://www.stmi.bayern.de/sicherheit/feuerwehr/112/
http://www.prosos.org/notruf112/html/grundaufbau/index.php
http://www.berliner-feuerwehr.de/notruf.html
Michael Günther
Literatur beim Verfasser
Von MG am 06. Oktober 2011, 20:30 Uhr veröffentlicht
Zuletzt bearbeitet am 11. Oktober 2011, 13:26 Uhr
Thema: Sicherheit
Themen:
Alle Themen (471)Hinweis: Kombinieren Sie mehrere Themen miteinander, um nur Artikel anzuzeigen, die allen gewählten Themen entsprechen (Schnittmengen).
RSS Artikel
RSS Wissenswert
Ein Transporterwerk mit wechselha...
Verpflichtende Gesundheitsüberprü...
Kennen Sie wirklich noch alle Ver...
Kinder nehmen den Straßenverkehr ...
Das Reifenlabel kommt: Etwas mehr...
EU: Die Verkehrssicherheit ist i...
Unfallaufnahme und Unfallskizze
Das VW-Urteil des BGH und seine F...
Klartext zur so genannten "Winter...
Versicherungen drücken die Repara...
Schadensabwicklung: Wissen ist Ma...
Wohin steuert die Schadenssteueru...
Spektakulärer Test bestätigt Taug...
Zwei einfache Grundregeln für den...
Katastrophe am Bahnübergang
Zweiter Crashtest mit Pedalverste...
Erster Crashtest ohne Pedalverste...
Kippen auf Französisch






