Airbag-Bremse unterm Fahrzeugboden

bremseESF 2009 – das neue Experimental-Sicherheitsfahrzeug von Mercedes-Benz

UnfallZeitung 16.06.2009. Airbag, Antiblockiersystem (ABS), Fahrdynamikregelung (ESP), Knautschzone, Sicherheitsgurt – das sind Meilensteine der Pkw-Sicherheit, die wir heute in praktisch jedem Fahrzeug finden. Doch wie überall geht auch bei der tecday-safety-2009Fahrzeugsicherheit die Entwicklung weiter. Wohin, das zeigt Mercedes-Benz am Beispiel des soeben vorgestellten ESF 2009 – des Experimental-Sicherheitsfahrzeugs 2009. Ein unter dem Fahrzeugboden angebrachter Brems-Airbag (Braking Bag), die Fahrzeugstabilität erhöhende aufblasbare Metallstrukturen oder ein LED-Fernlicht mit Spotlight-Funktion, das in Kooperation mit dem Nachtsicht-Assistenten Hindernisse auf der Fahrbahn gezielt anstrahlt sind nur drei von mehr als einem Dutzend innovativen Sicherheitssystemen im ESF 2009, an denen Daimler-Forscher derzeit arbeiten.

Mit dem neuen Versuchsfahrzeug, das am 15. Juni 2009 zur 21. Internationalen ESV-Konferenz für verbesserte Sicherheit von Fahrzeugen (ESV = Enhanced Safety of Vehicles) in Stuttgart vorgestellt wurde, knüpft Mercedes-Benz nach mehr als 35 Jahren Pause an die langjährige Tradition seiner in den 70-ern entwickelten Experimental-Sicherheitsfahrzeuge an. Im Rahmen einer durch Anstöße aus den USA intensivierten Sicherheitsforschung entstanden zwischen 1971 und 1975 mehr als 30 Versuchsfahrzeuge. Vier davon wurden als ESF 1, 13, 22 und 24 der Öffentlichkeit vorgestellt. Zahlreiche der mit diesen Fahrzeugen gemachten Erfahrungen flossen in den folgenden Jahrzehnten in die Serie ein, so dass die neuen Sicherheitssysteme fortan zusammen mit den Serienfahrzeugen präsentieret wurden.

ESF 2009 – Sicherheitsforschung sichtbar gemacht

Doch inzwischen sind viele neue Entwicklungen begonnen wurden, die einer breiteren Öffentlichkeit bislang wenig oder gar nicht bekannt sind. Mit dem ESF 2009 nutzte Mercedes-Benz deshalb die Chance, die wichtigsten neuen Systeme, an denen gearbeitet wird, in einem Fahrzeug zusammenzufassen und damit sichtbar zu machen, woran heute in der Sicherheitsforschung gearbeitet wird. Basis für dieses Forschungs- und Demonstrationsfahrzeug ist der Mercedes-Benz S 400 Hybrid, mit dem unter dem Thema Hybrid Battery Shield zugleich Ansätze zur Sicherheit der hier eingesetzten elektrischen Systeme und insbesondere der erstmals ein einem Serienfahrzeug eingesetzten Lithium-Ionen-Batterie erprobt werden. Und nicht zuletzt soll ESF 2009 zeigen, dass Daimler weiterhin intensiv daran arbeitet, seine in den letzten Jahrzehnten auf der Gebiet der Sicherheit erarbeitete Spitzenposition zu halten und auszubauen.

Die innovativen Systeme im Detail

Bremsfallschirm fürs Auto

Unfallzeitung stellt die neuen Systeme mit wenigen Sätzen genauer vor. Was für Space-Shuttles und Düsenjäger der Bremsfallschirm ist, könnte künftig für Autos der Braking Bag werden. Denn wenn alle Sicherheitssysteme erkennen, dass ein Zusammenprall mit einem Hindernis unvermeidlich ist, gilt es, das Aufpralltempo so weit wie möglich zu senken. Hierbei kann ein Airbag unterm Fahrzeugboden, der einen Reibbelag auf die Straße drückt, die Radbremsen wirksam unterstützen. Zudem verhindert dieses System das Abtauchen und Nicken des Fahrzeugs beim starken Bremsen und optimiert dessen Position für den unvermeidbaren Crash, So hat die Airbag-Bremse praktisch die Wirkung einer zusätzlichen Knautschzone. Die Mercedes-Ingenieure haben errechnet, dass die zusätzliche Verzögerung schon bei 50 km/h den gleichen Effekt hat wie ein um 180 Millimeter verlängerter Vorbau.
Für den Serieneinsatz ist diese Technik allerdings noch nicht reif.


Aufblasbare Metallträger

tecday-safety-2009-2Das gilt insbesondere auch für ein anderes System mit aufblasbaren Metallstrukturen. Diese Strukturen sollen im Fall eines Unfalls dessen Folgen wirksam mindern. So lange sie nicht benötigt werden, sind sie Platz und Gewicht sparend zusammengefaltet. Werden sie gebraucht, bläst sie ein Gasgenerator ebenso wie bei einem Airbag auf. Beim ESF 2009 setzt Mercedes-Benz als Flankenschutz wirkende Seitenaufprall-Träger in den Türen mit dieser Technik ein. Sie erlauben pro Tür eine Gewichtseinsparung von 500 Gramm, also 2,0 Kilo Gewichtsersparnis und beanspruchen erheblich weniger Bauraum als konventionelle Träger. Noch sind die aufblasbaren Metallstrukturen vor allem auch aus Kostengründen allerdings Zukunftsmusik.




Sicherer bei Heck- und Seitencrash


Die aufblasbaren Metallstrukturen gehören als Pre-Safe-Structure in den Bereich der Pre-Safe-Sicherheitstsysteme. Denn wann immer die Fahrzeugsysteme erkennen, dass ein Unfall droht, werden vorsorglich Systeme aktiviert, mit denen sich die Unfallfolgen mindern lassen. Zu den Pre-Safe-Systemen, die im ESF 2009 erstmals erprobt werden, gehört unter anderem Pre-Safe-Pulse, dass im Fall eines drohenden Seitencrashs die Fahrzeuginsassen mit Luftkammern in den Seitenwangen der
Rückenlehnen präventiv um bis zu 50 Millimeter zur Fahrzeugmitte bewegt, womit sich die Oberkörperbelastungen um bis zu einem Drittel reduzieren lassen. Mit dem System Pre-Safe-360 wird bei einem vom System erkannten Heckaufprall das stehende Fahrzeug automatisch gebremst. So lassen sich Sekundärunfälle vermeiden und die Schwere möglicher Verletzungen an der Halswirbelsäule (HWS) der Passagiere vermindern.

Belt Bag verdoppelt die Gurtbreite

Mit dem System Belt Bag (Gurt-Airbag) wird vom Airbag-Steuergerät eine Gurtbandverbreiterung ausgelöst, wenn mittels Crashsensoren ein schwerer Aufprall erkannt wird. Ein Generator bläst dann das zweilagige mit Reißnähten ausgestattete Gurtband auf. Durch die Zunahme der Gurtbandbreite wird die Flächenpressung bei den Passagieren und damit das Verletzungsrisiko verringert. Size Adaptive Airbags sind Beifahrer-Airbags, die ihr Volumen automatisch an die von Sensoren erkannte Sitzposition und Statur des Beifahrers anpassen und damit einen optimalen Schutz bei geringster Belastung des Beifahrers bieten.

Airbag trennt die Passagiere

Eine neue tecday-safety-2009-pArt von Airbags, die in Sekundenbruchteilen zwischen den Sitzen emporschnellt, gehört zum System Interseat Protection. Es soll in der ersten und zweiten Sitzreihe verhindern, dass die Passagiere bei einem Seitenaufprall oder Überschlag sich nicht mehr gegenseitig berühren und verletzen können. Mit dem im Toyota Spitzenmodell Crown Majesta erstmals eingeführten Rücksitz-Airbag hat Japans größter Autobauer ein ähnliches System inzwischen für die Rücksitze serienreif gemacht – UnfallZeitung berichtete darüber im Beitrag „Airbags für die Hinterbänkler“

Neue Art von Kindersitzen

Speziell dem Schutz von Kindern soll Child Protect genanntes neuartiges Kindersitzsystem mit Metallrohrrahmen und Polsterelementen dienen. Es sollen den Schutz bei einem Seitenaufprall erhöhen ist gleichzeitig komfortabler sein als die bisherigen Systeme mit Kunststoff-Sitzschalen. Und mit der Child Cam genannten kleinen Kamera im Dachhimmel sollen Eltern ihre im Fond sitzenden Kinder künftig besser im Blick behalten können.


Unübersehbar in der Dunkelheit

Bei Kinderbekleidung hat sich reflektierendes Material längst durchgesetzt, und bei Fahrrädern sind Seitenstrahler in den Speichen oder reflektierende Reifen sogar vorgeschrieben. Künftig sollen solche Techniken auch die Wahrnehmung von Autos bei Dunkelheit verbessern. Darum ist das Forschungsauto ESF 2009 mit entsprechenden Reflexelementen in der Seitenansicht ausgerüstet. Tagsüber sind die Modifikationen nicht zu erkennen - erst bei Dämmerung und Dunkelheit zeigt sich der zusätzliche Nutzen des Side Reflect genannten Systems.

Ständig Fernlicht ohne Blendung

Neue LED-Lichttechniken werden es künftig erlauben, bei nächtlicher Fahrt das Fernlicht ständig eingeschaltet zu lassen. Denn ein spezielles Steuergerät sorgt zusammen mit dem Fernlicht-Assistenten bei den LED-Scheinwerfern dafür, dass alles Licht automatisch ausgeblendet wird, das entgegenkommende Fahrzeuge blenden könnte. Gezielt angestrahlt tecday-safety-2009-3werden mit der so genannten Spotlicht-Funktion Hindernisse vor dem Fahrzeug wie zum Beispiel Personen auf der Fahrbahn oder Wild, die von der Infrarot-Kamera des Nachlicht-Assistenten erkannt werden.



Wenn Fahrzeuge miteinander „sprechen“

Eine Eisplatte in der nächsten Kurve, eine Nebelbank in drei Kilometern Entfernung, ein plötzlicher Stau an einer Tagesbaustelle - was bislang für böse
Überraschungen sorgte, soll künftig seinen Schrecken verlieren, wenn der herannahende Autofahrer aktuell und rechtzeitig gewarnt wird. Diese Aufgabe sollen künftig die anderen Fahrzeuge im Verkehr übernehmen – automatisch und per Funk. Denn Autos sammeln heute eine Menge Informationen über die aktuelle Verkehrsumgebung. Die zahlreichen Sensoren, Kameras und Steuergeräte der Fahrdynamik- und Assistenzsysteme können schlechte Witterungsverhältnisse ebenso wie plötzliche Brems- und Ausweichmanöver oder liegen gebliebene Fahrzeuge registrieren. Sie durch geeignete Systeme per Funk an die anderen Fahrzeuge weiterzugeben, das ist der Grundgedanke der Zukunftstechnologie Interactive Vehicle Communication, an der Mercedes-Ingenieure seit sieben Jahren arbeiten und die im Rahmen der Sicherheitsforschung künftig einen hervorragenden Platz einnimmt.

Einen Überblick über alle Sicherheitssysteme von Mercedes-Benz erhalten sie hier
Ingo von Dahlern/UnfallZeitung
Fotos: Daimler AG

Von Ivd/UnZe am 05. Februar 2010, 17:19 Uhr veröffentlicht
Zuletzt bearbeitet am 07. März 2010, 14:42 Uhr
Themen: Ausstattung | Sicherheit



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