Airbags sind keine Alleskönner

Der Gurt und die eigene Vernunft sind gefordert

Die Naivität mancher Autofahrer kennt keine Grenzen. Nicht selten hört man Aussagen wie diese: „Wozu anschnallen, ich habe doch einen Airbag!“ Das ist schlimmster Leichtsinn, wenn man bedenkt, dass der Preis dafür gut und gerne ein Genickbruch sein kann. Wissen Sie genau Bescheid, was genau passiert, wenn der Airbag ausgelöst wird?

Schließlich ist es keine Kleinigkeit, die einem da entgegenfliegt, wenn es knallt. Der Aribag explodiert uns mit einer atemberaubenden Geschwindigkeit von etwa 360 Stundenkilometern entgegen. Da sollte man schon genau wissen, worauf man achten muss, damit einem diese enorme Kraft nützt anstatt zu schaden.

Mangel an Aufklärung
Betriebsanleitungen und Hersteller geizen mit Details bezüglich der Frage, was beim Aufprall passiert, wenn Fahrer und Beifahrer nicht angeschnallt sind. „Der Airbag löst mit Sicherheit aus“, erfahren wir, und manchmal oder etwas auskunftsfreudiger: „... abhängig von der Benutzung des Sicherheitsgurtes“ (Beispiel aus der Betriebsanleitung des Mercedes E-Klasse W212). Mercedes und Ford betonen, dass die Airbags in jedem Fall, also auch in nicht angeschnalltem Zustand, auslösen. Erst beim genauerem Nachfragen kann man erfahren, dass das Airbag- und das Gurtstraffersystem eng und in Abhängigkeit voneinander zusammenarbeiten.

Airbags funktionieren gurtabhängig und zweistufig
Bei älteren Modellen wurde der Airbag bei einem leichteren Zusammenprall gar nicht erst ausgelöst, wenn der Sicherheitsgurt nicht geschlossen war. Heute wird bei den meisten Modellen in einem solchen Fall der Zündzeitpunkt vorverlegt und der Airbag schon früher gezündet, noch bevor eine nicht angeschnallte Person vollständig nach vorne geschleudert wird. Neuere Modelle arbeiten mit einem Zwei-Phasen-System.

Schon seit über 10 Jahren werden zweistufige Systeme eingesetzt. Bei nicht angeschnallten Insassen wird nur die erste Stufe gezündet. Die Auslösung wird auch in Abhängigkeit von der Schwere des Aufpralls berechnet, so dass eine zweite, für nicht angeschnallte Personen gefährlichere Stufe gar nicht erst gezündet wird.

Technische Perfektion
Die Elektronik und die ihr angeschlossenen oder von ihr gesteuerten Systeme sind laufend aktiv, lange bevor es zu einem Unfall kommt. Sie erfassen alle Daten, die während der Fahrt anfallen. Bei langen Fahrten ermahnen sie den Fahrer zum Einlegen einer Ruhepause, nehmen dem Fahrer, ohne dass er es merkt, teilweise das Bremsen und das Ausweichen ab. Bevor es knallt, verstellen sie den Sitz in die bei einem Unfall günstigste Position, schließen Schiebedach und Fenster und aktivieren den Gurtstraffer so, dass die Insassen in eine für den Airbag günstige Position kommen. Und dann darf sich der Airbag – nicht einfach so, sondern kontrolliert entfalten. Auf Grund des von der Sitzbelegungsmatte registrierten Daten und der Sitzeinstellung werden Größe und Gewicht der Person errechnet, um die Zündungsdaten anzupassen. Die Zündung selbst erfolgt situationsabhängig und entweder auf einmal oder in zwei Stufen. Die Intensität der Stufen hängt von der Situation und von den Hersteller-Einstellungen ab. Laut ADAC ist etwa 70 Prozent der Intensität für die erste und ca. 30 Prozent für die zweite Stufe vorgesehen. Die Kopfstützen werden dabei in eine Genick schonende Richtung eingestellt. Nach dem Unfall werden die Türen entriegelt, die Daten gesichert und schließlich begeht das elektronische System eine Art Harakiri, um die Feuergefahr durch die Elektronik zu verringern. Ganz ausgefeilte Systeme setzen davor noch eigenständig einen Notruf ab.

... und wo bleibt der Mensch?
Das Airbag-System stellt sich - so gut es geht - auf den Menschen ein, aber nur bis zu dem Punkt, den der heutige Stand der Technik so etwas überhaupt ermöglicht. Und was tut der Mensch, der, von der Technik umgeben und verwöhnt, scheinbar immer weniger Verantwortung und Einflussmöglichkeiten hat?

Es wird leicht vergessen, dass die Technik letztendlich doch „dumm“ ist. Sie kann nur so gut funktionieren, wie der Mensch, der sie verwendet. Wer es sich ohne Gurt auf dem Autositz bequem macht, als wäre er zu Hause auf der Couch, wer seine Füße unbedingt auf dem Armaturenbrett positionieren oder gar aus dem Fenster hängen lassen muss, kann sich nicht wirklich auf die Technik verlassen. Die Kopfstützen gehören dem Insassen angepasst, der Sitz sollte möglichst gerade positioniert werden, den Gurt sollte man stramm ziehen und nicht verdreht anbringen, eine Entfernung von mindestens in 25 cm Entfernung vom Lenkrad sollte eingehalten werden.

Aber je ausgefeilter die Technik, umso nachlässiger die Menschen – kann das sein? Oder wissen Sie etwa, was die Betriebsanleitung Ihres Wagens zu Ihrem Airbag-System schreibt? Wenn nicht, lesen Sie sie doch einmal durch.

KFZ-Sachverständigenbüro Jürgen Blazek in Bottrop
© Dmitry Vereshchagin - Fotolia.com
© unfallzeitung.de

Von RobGal am 31. Januar 2011, 17:43 Uhr veröffentlicht
Zuletzt bearbeitet am 11. April 2011, 07:47 Uhr
Themen: Sicherheit | Technik



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