Aus der Versenkung aufgetaucht

Komplette Karosserien oder einzelne Bauteile aus Aluminium zu fertigen, ist der Trend im Fahrzeugbau. Was das Fahrzeug leichter macht, macht die Reparatur schwerer: Karosseriebetriebe müssen sich und ihre Reparaturmethoden auf das wieder entdeckte Material einstellen.
Aluminium in der Fahrzeugherstellung ist alles andere als neu: 1948 wurde die Karosserie der Serie 1 von Land Rover, genannt „Defender“, komplett aus Aluminium gefertigt. Aus Fertigungskostengründen ist das englische Traditionsunternehmen von der ganzen „Alu-Karosserie“ abgerückt, fertigt aber nach wie vor bei ihren Fahrzeugen verschiedene Baugruppen aus dem Leichtmetall. Auch deutsche Hersteller setzen seit geraumer Zeit auf Aluminium. Beispiel Audi: Der bereits vor einigen Jahren eingestellte Audi A2 war ein ganzes Alu-Auto, seit 1993 wird die Oberklasse-Limousine komplett aus Aluminium gefertigt und beim aktuellen Audi TT macht das silbrige Metall gut 70 Prozent der gesamten Karosserie aus. Mit dem Leichtmetall lassen sich Fahrzeuggewicht reduzieren und Wirtschaftlichkeit einzelner Modelle erhöhen.
Die Herstellung des Leichtmetalls wiegt allerdings schwer und ist alles andere als umweltfreundlich. Aus dem Rohstoff Bauxit wird erst unter Einsatz enormer elektrischer Energie Aluminium; die Herstellungskosten sind extrem hoch. Und: Erst durch Zugabe verschiedener Legierungszusätze wie Kupfer, Magnesium, Silicium oder Mangan erhält das Metall die Eigenschaft, die vom jeweiligen Autobauer gefordert ist.

Mit einem alten Hausmittel lässt sich die maximale Temperatur messen, die das Aluminium verträgt: Die Stellen, die erwärmt werden sollen, bestreicht man mit Kernseife …

… und unter Einfluss der Wärme beginnt sich die Seife zu verfärben. Ist sie dunkelbraun, hat das Leichtmetall die maximale Wärmeaufnahme erreicht.


Sensibler Werkstoff
Bevor ans verbeulte Blech Hand angelegt wird, gilt es, einige Grundsätzlichkeiten zu beachten: Aluminium steht in seinen Crasheigenschaften dem schweren Bruder Stahl in nichts nach. Dennoch ist der Werkstoff deutlich sensibler und bei Karosserieschäden gilt einmal mehr nach einer materialschonenden Reparaturmöglichkeit zu suchen. Bei Karosserien oder Karosserieteilen aus Leichtmetall ist es generell ratsam, zerspannungsfrei zu reparieren.
Auch für das Werkzeug gelten besondere Regeln: Aluminium-Werkzeug darf ausschließlich für Arbeiten mit diesem Werkstoff herangezogen werden, einmal an Stahl oder Eisen eingesetzt, ist das Werkzeug für künftige Alu-Arbeiten unbrauchbar. Gelangen Metallspäne aufs Leichtmetall, entsteht unweigerlich Korrosion und in Verbindung mit Feuchtigkeit sogar ein galvanisches Element, das den Werkstoff regelrecht zersetzt. Klinische Sauberkeit ist daher nicht nur ratsam, sondern Grundlage für eine fach- und sachgerechte Reparatur. Der bei Schleifarbeiten anfallende Staub muss zwingend abgesaugt werden, da feiner Aluminium-Schleifstaub hochexplosiv ist und Verpuffungen ähnlich wie Mehl verursachen kann. Auch bei der Wahl der Werkzeuge gibt es einiges zu beachten. So sind besonders bei Schlagwerkzeugen stets leichte Varianten zu wählen, um ungewollte Deformationen zu vermeiden. Schleifgeräte sollten mit feiner Körnung und geringer Drehzahl arbeiten, um keine groben Spuren zu hinterlassen. Vorsichtig agieren müssen Mechaniker auch mit Wärmequellen, die jedoch zur Reparatur nahezu unerlässlich sind. Während die Wärmeleistung der Werkstatt-Föhne zu gering ist, hat die Flamme des autogenen Schweißgerätes schnell die ideale Arbeitstemperatur des Aluminium-Bleches überschritten und großen Schaden angerichtet. Kernseife auf die Schadstelle aufgetragen beginnt sich bei rund 400°C braun zu färben – damit hat Aluminium die ideale Bearbeitungstemperatur erreicht. Je nach Bauteil und Legierung liegt die optimale Bearbeitungstemperatur zwischen 150 und 400°C.

Auf die gezahnte Rückseite der Klebepads wird reichlich Spezialklebstoff aufgetragen und ins Zentrum der Deformation geklebt. Nach kurzer Ablüft- und Antrockenzeit sind die Pads voll belastbar.

Unter ständiger Vorspannung und mit leichten Schlägen rund um die Schadstelle lassen sich Beschädigungen bis zu 80 Prozent richten, ohne den Lackaufbau zerstören zu müssen. Manche Schäden lassen sich auf diese Weise auch komplett beheben.


Erster Schritt: Kleben
An Hand des neuen Miracle AluRepair-System von Carbon beschreiben wir in groben Zügen eine fachmännische Reparatur und lassen im Anschluss sowohl den Vater des Systems, Siegbert Müller, als auch einen der Anwender, Günter Lakaff, zu Wort kommen.
Mit Klebekits lassen sich im lackierten Zustand bereits bis zu 80 Prozent der Beschädigungen richten. Klebepads gibt es viele am Markt – doch nur auf das Miracle-System abgestimmte Pads bringen die nötige Prozesssicherheit: Es sind speziell für Aluminium konstruierte und entwickelte, weiche Klebepads, die so ausgebildet sind, dass sie sich nahezu endlos aneinander reihen lassen ohne dabei die später benötigte Kraftlinie zu unterbrechen. Die Klebeseite ist verzahnt, denn so lässt sich mit Hilfe des Spezialklebers nötige Haftung herstellen. Pro Pad finden sich bis zu vier Zughaken, mit denen während der Richtarbeit die Kraft von der Zugbrücke auf das Material übertragen wird. Die Vorgehensweise ist denkbar einfach: Mit einem Spezialreiniger wird das Zentrum der Delle gereinigt, die Klebepads in ausreichender Zahl mit dem Spezialkleber gesetzt und nach kurzer Ablüftzeit lässt sich der Strong-Puller, Line-Puller oder die AiroPower Presse einhaken und unter Vorspannung bringen. Mit reichlich Gefühl lässt sich der Schaden so, je nach Ausmaß, ganz oder zumindest zum größten Teil ausmassieren.
Für hartnäckige oder schwerere Deformationen lassen sich mit dem AluRepair-System von Carbon auch schwerere Geschütze auffahren. Das Herzstück des Reparatur-Sets ist das MA-6 Aluminium-Schweißgerät mit spezieller Schweißpistole zum Aufschweißen der Bits. Gerätewagen, Schlauchpaket, Bits, verschiedenes Zubehör und eine umfassende, aber leicht verständliche Bedienungsanleitung runden das Lieferprogramm ab. Damit die zwölf unterschiedlich starken und legierten Aluminium-Bits auf der lackfreien und gut gesäuberten Karosserie halten, kommt ein spezielles Schutzgasgemisch zum Einsatz, das mit bis zu 13 Litern/min durch das Schlauchpaket fließen soll. Die Durchflussmenge lässt sich, ebenso wie die Schweißzeit, über eine einfach Steuerung einstellen.

Unter Zug, mit Wärme und Schlägen
Die Alu-Bits, erhältlich in gerader oder 90° gedrehter Ausführung, werden per Lichtbogen auf die Schadstelle geschweißt. In die spezielle Schweißpistole eingesetzt steuert das Gerät den Schweißvorgang über die im Display eingestellten Parameter automatisch. Dazu zählt auch der Abhub zwischen dem Bit und der Karosserie, damit der nötige Lichtbogen entsteht. Sind die Alu-Bits in Reih und Glied über die Schadstelle aufgeschweißt, lässt sich die Zugstange durch die Ösen führen und entsprechende Miracle-Komponenten einhängen. Über die Spindel kann nun Vorspannung in die Schadstelle eingebracht werden. Mit Wärme und leichten Schlägen mit Spezialhammer sowie dem permanenten Nachjustieren der Vorspannung lässt sich die Beschädigung Stück für Stück herausarbeiten.

Das macht Aluminium-Staub so gefährlich
Staub von brennbaren Materialien wie Holz, Mehl oder Kohle sind explosionsfähig, wenn sie mit Luft vermischt sind. Aber auch Metalle wie Aluminium, Eisen und Stahl neigen als Staub-Luftgemisch zur Explosion oder sind zumindest brennbar. Entscheidend für die Explosionsfähigkeit ist die Partikelgröße: Je kleiner die Partikel, desto größer die Gefahr einer Explosion. Durch die Zerkleinerung beispielsweise in Folge von Schleifarbeiten entstehen extrem große Oberflächen. Die Staubpartikel können so sehr schnell oxidieren, wodurch Hitze entsteht. Gleichzeitig nimmt die Oberfläche sehr gut Wärme auf – das Material kann so „durchzünden“. Als Zündquelle kommen verschiedene elektrische oder mechanische Effekte in Betracht. So können unter Umständen das Ziehen eines elektrischen Steckers mit der üblichen Funkenbildung oder eine Fehlfunktion innerhalb eines elektrischen Gerätes ausreichen, um das Staub-Luftgemisch zu entzünden. Selbst statisch aufgeladene Kleidung kann unter Gewissen Umständen als Zündfunke genügen.
Mit geeigneten Vorsorgemaßnahmen kann man der Explosionsgefahr entgegen wirken. Neben einer regelmäßigen Kontrolle elektrischer Werkzeuge und Anlagen gehört die Staubabsaugung zweifelsfrei zu den einfachsten und effektivsten Vorsorgemaßnahmen. Überdies sind Sauberkeit am Arbeitsplatz Grundvoraussetzung zur Explosionsvermeidung – zentimeterdicke Staubschichten sind demnach nicht nur unansehnlich, sondern auch gefährlich.

Mit der speziellen Schweißpistole, unter Zugabe eines eigenen Schutzgasgemisches, mit der richtigen Schweißzeit und dem idealen Abhub werden die Aluminiumpads dicht an dicht über die gesamte Schadenszone geschweißt. Die Schweißung erfolgt per Lichtbogen und verleiht den Pads ausreichend Halt, um die Kräfte der Zugbrücke zu übertragen. Gleichzeitig sind sie so „lose“ angeschweißt, dass sie ohne Probleme und fast rückstandsfrei entfernt werden können.

Ist die Zugbrücke eingehängt, kann über die Spindel Vorspannung erzeugt und über die beweglichen „Arme“ Kraft ausgeübt werden. Das System ist so gebaut, dass selbst kleinste Kräfte punktgenau eingebracht werden können. Profis nennen das die „Dellen-Massage“.


Das Carbon Miracle AluRepair-System zeigt dabei, dass es tatsächlich für die Praxis konstruiert wurde. Auch wenn einige der Systemkomponenten auf Grund ihrer Größe anfangs einen unhandlichen Eindruck erwecken – der erste Kontakt widerlegt diesen schlagartig: Durch das geringe Gewicht der Zuggeräte aus Aluminium-Titan-Legierung kann der Anwender ohne fremde Hilfe den Strong- und Line-Puller einhängen und so kontrolliert Vorspannung in die Schadstelle bringen. Die robuste Bauweise und Konstruktion der Miracle-Bauteile resultiert in einer enormen Stabilität und Langlebigkeit im rauen Werkstattbetrieb. Dass es in der Praxis nicht nur bei Stahl überzeugt, belegen die Freigaben und Empfehlungen zahlreicher Automobilhersteller: Mit Audi und VW sind nur zwei der großen Unternehmen genannt.
Text: Uwe Meuren;
Fotos: Uwe Meuren, Carbon
© Ionescu Bogdan - Fotolia.com

Von UM am 25. Dezember 2010, 16:12 Uhr veröffentlicht
Zuletzt bearbeitet am 25. Dezember 2010, 19:49 Uhr
Themen: Reparatur | Werkstatt

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