Das Gesetz der Serie

... gilt auch für Unfälle

„Die Wahrscheinlichkeit künftiger Unfälle für einen Menschen ist umso größer, je mehr Unfälle er bisher gehabt hat.“ Nicht mehr und nicht weniger sagt der sogenannte Wiederholungssatz von Professor Marbes, einem Mitbegründer der modernen Persönlichkeitslehre. Etwas kühn scheint uns diese Behauptung, die als wesentlicher Unfallfaktor betrachtet werden soll.

Wir wissen aus Erfahrung, dass gerade jene Kraftfahrer immer wieder an Unfällen oder sonstigen Zwischenfällen mit dem Kraftfahrzeug beteiligt sind, die bereits mehrmals mit Strafmandaten bedacht wurden. Abgesehen davon, dass die persönlichen Eigenheiten des Fahrers in Bezug auf Übung und Erfahrung in der Führung des Fahrzeugs von ausschlaggebender Bedeutung sind, wird die Fahrleistung in weitgehendem Maße von der Sinnestüchtigkeit des einzelnen beeinflusst. Die moderne Persönlichkeitslehre bringt uns diesem Problem noch um einen Schritt näher. Die Persönlichkeit jedes Menschen setzt sich aus angeborenen oder erworbenen Komponenten psychischer (geistiger) und physischer (körperlicher) Art zusammen. Beide Persönlichkeitsseiten werden jeweils augenblicklich auf die äußeren Einwirkungen, die auf uns treffen, eingestellt. In einer ungünstigen Einstellungsphase sind wir nun für eine Serie von Unfällen besonders empfänglich, die theoretisch spätestens dann abreißen muss, wenn wir diesen Zustand überwunden haben.

Schlimm ist es aber bestellt, wenn uns diese negative Konstellation von der Natur mitgegeben wurde und wir Mühe haben, uns dagegen zu wehren. Durch Schulung kann hier in gewissem Maße ein Ausgleich geschaffen und die ungünstige Seite etwas abreagiert werden, aber im Grunde genommen bleibt die ursprüngliche Struktur doch bestehen. Wir haben es dann mit jenen Unglücksraben zu tun, denen stets eine Pechsträhne hinten nachhängt und die wir den größten Teil des Jahres mit verkitteten Kotflügeln oder anderen deutlich sichtbaren Kennzeichen eines Unfalles antreffen. Diesen „Leuchten“ unter den Kraftfahrern kann man aus der Erkenntnis ihrer Schwächen heraus nur empfehlen, ihre Fahrweise so einzurichten, dass sie zumindest andere Verkehrsteilnehmer nicht gefährden, wenn sie schon an ihrer eigenen Sicherheit wenig Interesse haben.

Manchen Kraftfahrer werden diese Ausführungen unangenehm berühren oder vielleicht auch beruhigen. Die Prüfung auf die Richtigkeit lässt sich jedoch leicht erweisen an Hand des reichhaltigen statistischen Materials, das Prof. Marbe mit seinen Mitarbeitern in jahrzehntelangen Versuchen gesammelt hat. Der zu Beginn dieses Aufsatzes angeführte Wiederholungssatz wurde auf Grund von Erhebungen gewonnen, die man über Unfälle von zehntausenden Personen anstellte.

Interessant ist hierbei, dass diese Feststellung nicht nur die selbst verschuldeten, sondern auch für die durch außergewöhnliche Ereignisse eingetretenen Fälle Gültigkeit hat. Man wird nämlich bei näherer Betrachtung meistens feststellen können, dass gerade jene unvorsichtigen Ritter des Benzinrosses von anderen angerempelt werden, die selbst immer Schaden verursachen.

An 3000 Personen, die bei derselben Versicherung eingetragen waren, stellte Marbe im Verlauf von zehn Jahren fest, dass jenen Gruppe, die in den ersten fünf Beobachtungsjahren keinen Unfall zu verzeichnen hatten (er bezeichnet sie als „Nuller“), auch in der zweiten Periode weniger Schaden erlitten, als die Gruppe, die in der ersten Zeitspanne von einem Unfall betroffen wurden (die „Einser“). Hatte jemand im ersten Zeitabschnitt mehrere Unfälle erlebt (die „Mehrer“), so kam er auch in den darauffolgenden fünf Jahren auf eine höhere Zahl als die Angehörigen der beiden ersten Gruppen.

Daraus erhalten wir wieder die Bestätigung für die längst bekannte Tatsache, dass der wirklich gute Fahrer auch stets unfallfrei bleibt, während die anderen geeignete Objekte für derartige unerwünschte Zwischenfälle sind und sich dem Gesetz der Serie wohl oder übel unterwerfen müssen.

Quelle: Auto-Motor-Sport 1938 / RobGa/UnZe
Fotos: UZ

Von RobGal am 24. Januar 2009, 03:15 Uhr veröffentlicht
Zuletzt bearbeitet am 31. Oktober 2009, 18:32 Uhr
Themen: Unfall | Zeitmaschine



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