Der Mensch hinterm Retter

Sie leisten medizinische Hilfe und häufig auch Unglaubliches, sie werden bewundert und genießen hohe Achtung: die Rettungsflieger der Luftrettung. Doch hinter den funktionierenden Helfer stecken Menschen, die das Geleistete stets aufs Neue verarbeiten müssen.

Ich stehe vorm leeren Hangar der DRF Luftrettung in Ochsenfurt, dort, wo Christoph 18 stationiert ist. Weit und breit sind weder Mensch noch Helikopter zu sehen. Die Frauen und Männer des seit 30 Jahren existierenden Luftrettungsstützpunkts sind offenbar unterwegs. Ich entschließe mich, die Zeit bis zu ihrer Rückkehr lesend im Auto zu verbringen, als ich das lauter werdende Geräusch eines sich nähernden Hubschraubers wahrnehme. Die schlagenden Rotorblätter ergeben mit dem infernalischen Lärm der beiden fast 1500 PS starken Triebwerke das typische Geräusch eines Helikopters. Langsam nähert sich die rot-weiß lackierte Maschine vom Typ EC 135 dem Landeplatz. Der Pilot setzt das Luftfahrzeug behutsam auf, noch laufen Triebwerk und Rotoren mit hoher Frequenz. Eine letzte, orkanartige Windböe erfasst mich, ehe das Motorgeräusch abebbt, der Rotor langsamer wird und sämtliche Blinklichter erlöschen. Die Türen gehen auf und eine dreiköpfige Besatzung steigt aus dem Hubschrauber. Ehe die Rettungscrew an Pause denken kann, muss das Luftfahrzeug abflugbereit gemacht werden: Routinecheck sämtlicher Funktionen, tanken, fehlende Betriebsstoffe ergänzen und eine Sichtkontrolle machen den Hubschrauber abflugfertig für den kommenden Einsatz.

Aufbruch! Der in der Zentrale eingegangene Notruf lässt die Crew nicht in Hektik verfallen, die folgenden Abläufe werden schnell, routiniert und überlegt abgearbeitet. Während Pilot Stefan Hippeli die Triebwerke auf Touren bringt, checkt Co-Pilot und Rettungsassistent Armin Stark letztmalig den Hubschrauber


Fliegen, solange die Sonne scheint, solange es die Gesundheit erlaubt

Ich werde von Pilot Stefan Hippeli (48) und Rettungsassistent Armin Stark (44) freundlich begrüßt und in den Aufenthaltsraum neben dem Stationsbüro geführt, der dem Wohnzimmer einer Jungesellen-Wg ähnelt. Neben dem großen Flachbildfernseher und einer Stereoanlage ist es vor allem die High-Tech-Kaffeemaschine, die den Raum dominiert. Zahlreiche Bilder zieren die Wände, dazwischen immer wieder Zeichnungen von Kindern, die Christoph 18 auf diese Weise ihren Dank aussprechen. „Wir haben heute früh schon zwei leichtere Einsätze hinter uns“, beginnt der Pilot zu erzählen, „es scheint ein arbeitsreicher Tag zu werden. Gestern hingegen waren es nur zwei Flüge.“ Der Mann hat in seinen 17 Dienstjahren als Rettungsflieger offenbar ein Gespür dafür entwickelt, wann ein arbeitsreicher Tag ansteht. Allerdings könne man auch mal mit seiner Einschätzung daneben liegen, Rettungsdienst sei nie kalkulierbar, ergänzt er. Seit etwa sieben Uhr ist die Crew auf den Beinen, bis zum Feierabend sind es noch ein paar Stunden. Hört sich für mich nach einem normalen Arbeitstag eines jeden Angestellten an. „Wir fliegen, solange die Sonne scheint“, erklärt Hippeli, „immer von Sonnenauf- bis Sonnenuntergang. Gleichzeitig dürfen wir Piloten gewisse Flug- und Dienststunden pro Tag nicht überschreiten. Aus diesem Grund dauert unser Dienst im Winter sieben, im Sommer vier Tage – im Sommer, wenn die Tage länger sind, können wir länger fliegen.“ Irgendwie erinnert mich diese Regelung an Lkw-Fahrer, die ebenfalls gesetzlich vorgeschriebene Lenk- und Ruhezeiten einhalten müssen. Die Fliegerei habe selbst nach Jahrzehnte langem Dienst nichts an Faszination verloren, erklären Stark und Hippeli einstimmig. Rettungsassistent Stark, hat vor seiner Tätigkeit im Rettungsdienst ein Handwerk erlernt, als freiwilliger Helfer im Sanitätstdienst begonnen ehe er durch zahlreiche Ausbildungen zu seinem Traumberuf Rettungssanitäter fand. Nach etlichen Jahren im bodengebundenen Einsatz bewarb er sich bei der Luftrettung. „Anfänglich war jeder Einsatz aufregend, im Laufe der Zeit hat sich diese Aufregung gelegt und Routine ist eingekehrt.“ Einem Mechanismus dürfe man jedoch nicht verfallen, berichtet Rettungsassistent Stark, „dann schleichen sich Fehler ein, die in unserem Beruf fast immer fatale Folgen haben.“ Wie lange man den Beruf ausüben könne, will ich von beiden wissen. „Eigentlich“, so Pilot Hippeli, „bis zum Rentenalter. Allerdings ist die Arbeit auch körperlich sehr anspruchsvoll: Ständig müssen wir Personen auf die Trage heben und aus dem Hubschrauber ein- und ausladen. Hinzu kommt, dass wir bei Wind und Wetter draußen sind und unter Umständen komplett durchgefroren, tropfnass oder schweißgebadet unseren Dienst versehen müssen.“

Vom Handwerker zum Retter: Armin Stark (44) gelangte über sein freiwilliges Engagement im Sanitätsdienst zu seinem jetzigen Traumberuf – Rettungssanitäter bei der Luftrettung.


Pilot Stefan Hippeli (48) wechselte vor geraumer Zeit die Uniform: Als ehemaliger Hubschrauberpilot der Bundeswehr fand er sich schnell im Dienst bei der DRF Luftrettung zurecht. Ihm bereitet seine Arbeit immer Freude, insbesondere dann, wenn die Anstrengungen mit einer erfolgreichen Rettung belohnt werden.


Man muss vergessen können
Dennoch wollen beide Männer ihren Beruf keine Sekunde missen. „Es ist ein schönes Gefühl, anderen Menschen helfen zu können und eher eine Passion, denn ein einfacher Job“, beschreibt Stark seine Tätigkeit. Welche Erinnerung bleibt, will ich wissen. „Es sind, Gott sei Dank, nur die angenehmen, schönen Erinnerungen, die lange im Gedächtnis bleiben. Alles andere muss man so schnell wie möglich vergessen“, so Hippeli. Stark ergänzt: „Besonders erfreulich, wenn Patienten, die aufgrund der Schwere ihrer Verletzungen kaum Überlebens-Chancen haben, nach Monaten bei uns auftauchen und sich für ihre Rettung bedanken.“
Beide erklären mit ernster Miene: „Keinesfalls sollte man belastende Einsätze mit nach Hause nehmen und dort länger verwahren. Man muss sich sein Ventil suchen um die Einsätze zu verarbeiten.“ Belastend seien in jedem Fall, so die Familienväter einstimmig, Unfälle mit Kindern. Beide, so wird mir versichert, reden zwar mit ihren Ehefrauen über das eine oder andere Thema, sparen Details dabei jedoch aus und haben ihre eigenen Weg der Verarbeitung gefunden. Während Stark sich als Jäger vom anstrengenden Tag erholt und sich in Flora und Fauna entspannt, ist es bei Hippeli die Familie, die ihn vom Dienstalltag ablenkt und viele Bilder in den Hintergrund verdrängt. Hilfreich sei in jedem Fall die Anonymität der Unfallopfer: „In 99 Prozent der Fälle kennt man die Verletzten nicht. Einen Bekannten oder Arbeitskollegen notärztlich versorgen zu müssen, hat schon was von einem Sechser im Lotto und kommt höchst selten vor.“ Bei Hippeli und Stark war das noch nie der Fall.
Grundlegend verändert haben sich beide nach eigenen Angaben nicht, jedoch sehen sie einige Situationen durch ihren Beruf deutlich entspannter als vorher. „Klar versucht man von vornherein gefährliche Situationen zu vermeiden, mahnt sich und andere häufiger zur Vorsicht. Aber im Grunde lebt man sein Leben wie gewohnt. Ich fahre nach wie vor mit Begeisterung Motorrad, auch wenn wir Jahr für Jahr wegen schwerer Motorradunfälle ausrücken müssen“, beschreibt Stark seine Lebenssituation. Ich will wissen, ob sich der Beruf auf die Erziehung auswirkt, ob eigene Kinder übervorsichtig sind. Hippeli: „Nein, meine Kinder toben wie alle anderen Kinder, klettern auf Bäume und machen die typischen Sachen kindlicher Unüberlegtheit. Vielleicht erkenne ich manche Gefahrensituation etwas früher als andere Eltern und kann sie entschärfen. Aber auch ich bin nicht immer vor Ort, so dass übliche Blessuren auch bei meinen Kindern nicht ausbleiben.“

Zwei Rettungshubschrauber an einem Standort ist keine Verschwendung, sondern ein notwendiger Stopp auf dem Rückweg. Die Mannschaft des im Bild hinteren Hubschraubers war auf dem Heimweg und musste zwischendurch auftanken.


Fassungslosigkeit ob der Dreistigkeit

Die Männer und Frauen, die im Notfall unser Leben retten, haben es nicht nur mit dankbaren Bundesbürgern zu tun. „Häufig“, berichtet Hippeli aus seiner langjährigen Erfahrung, „werden wir gefragt, ob es sich bei unserem Einsatz um eine Übung handelt. Dann dauert es immer lange, bis die Zaungäste verstehen, dass Rettungshubschrauber keine Übungseinsätze fliegen. Das allerdings sind die harmlosen Randerscheinungen bei unseren Einsätzen.“ Von ganz anderen Erlebnissen kann Rettungsassistent Stark berichten: „ Es kommt auch mal vor, dass wir nach der Landung beschimpft werden, weil der Hubschrauber so laut sei, das Gras platt gedrückt oder das Obst von den Bäumen gefegt wurde. Dies stellt jedoch eine Ausnahme dar, denn in den meisten Fällen sind die Menschen dankbar und froh, dass sie schnelle medizinische Hilfe bekommen.“ Ebenso appellieren Hippeli und Stark an die Zivilcourage der Bevölkerung: „Es kommt mittlerweile leider immer häufiger vor, dass bei Unfällen nicht mehr geholfen wird, offenbar aus der Angst heraus, einen Fehler zu machen. In vielen Fällen wird nicht mal mehr der Unfall gemeldet und auch keine Erste Hilfe geleistet. Stattdessen gehen sogar manche Leute weg und beobachten das weitere Geschehen aus sicherer Entfernung. Dabei kann ein Ersthelfer die Zeit zwischen Unfall und Eintreffen der Rettungskräfte mit Erste Hilfe-Maßnahmen sinnvoll überbrücken. Ein solches Verhalten belastet uns mehr als jeder Einsatz“, erklären beide einstimmig. Zu weiteren Ausführungen lassen sie sich nicht hinreisen, ebenso wenig zu Geschichten aus dem Nähkästchen.

Vielfältige Aufgaben

Stark ist nicht nur Rettungsassistent sondern auch als Hems Crew Member ausgebildet. Er unterstützt die Ärzte im Einsatz und sitzt während des Fluges an der Seite des Piloten um diesem zu zu arbeiten. „Ich übernehme den Funkverkehr, die Koordination des Einsatzes und helfe bei der Orientierung. Am Einsatzort assistiere ich dann dem Notarzt und treffe mit ihm weitere Maßnahmen“, beschreibt Stark sein Aufgabengebiet. Für den Piloten Hippeli ist der Einsatz erst dann vorbei, wenn nach der Landung der Hubschrauber wieder einsatzbereit und der gesamte Papierkram erledigt ist. Auch diese Arbeit setzt dem Team zu und belastet es. Noch bevor unsere Unterhaltung sich fortsetzt, schlägt der „Pieper“ von Pilot Hippeli Alarm. Ohne Hektik stehen die Männer auf und beginnen routiniert den Abflug vorzubereiten. Während Stark sich den Einsatzplan auf dem Computer anschaut, zieht sich Hippeli seine Pilotenstiefel an, schnappt sich seine Jacke und geht zum Hubschrauber. Rettungsassistent Stark folgt ihm auf dem Fuße, unterm Arm alle erforderlichen Unterlagen zum Rettungseinsatz. Die Notärztin klettert auf ihren Platz, Hippeli startet das Triebwerk. Aus seiner Kanzel reicht er mir zum Abschied die Hand. Ob ich warten solle, frage ich ihn. „Nein, das wird ein langer Einsatz. Wir fliegen Richtung Frankfurt und wissen nicht, wohin wir den Verletzten bringen müssen. Wir rechnen mit einem Einsatz von drei Stunden.“ Der Rotor dreht sich mit extremer Geschwindigkeit, das Triebwerk brüllt und Rettungsassistent Stark prüft letztmalig den Hubschrauber. Auch er reicht mir die Hand, von seiner Verabschiedung dringen nur Wortfetzen bis zu mir durch. Den Rest verschluckt der Rotor des Hubschraubers. Stark steigt ein, schließt die Tür und schon beginnt der rot-weiße Hubschrauber abzuheben. Nur wenige Meter über dem Boden neigt er sich nach vorn und nimmt rasch Geschwindigkeit auf. Das laute Schlagen der Rotorblätter wird allmählich leiser, der große Hubschrauber immer kleiner, ehe er am Horizont verschwindet.

Nur wenige Minuten vergehen vom Notrufeingang bis zum Abflug der Rettungsmannschaft. Noch wissen fliegenden Helfer nicht was sie erwartet und so ist jeder Einsatz ein neuer und nie mit dem vorherigen zu vergleichen. Eine tolle Arbeit leisten die unermüdlichen Retter der DRF!


Fazit: Schon immer habe ich großen Respekt vor den Einsatzkräften der Rettungsdienste, jedoch stets nur die Arbeit der Männer und Frauen gesehen. Dass tatsächlich unter jeder orangefarbenen Jacke, in jedem orangefarbenen Fliegeroverall ein Mensch steckt, wurde mir erst nach meinem Besuch bei Christoph 18 in Ochsenfurt bewusst. Meine Achtung vor allen Einsatzkräften ist weiter gestiegen, jetzt, wo ich weiß, unter welchen Belastungen jeder einzelne stehen. Ich bin froh, dass es die vielen Retter gibt, die mich im Ernstfall versorgen – ob dabei der Zaun kaputt geht oder der englische Rasen platt gewalzt wird, ist mir völlig egal.
Anmerkung: Die DRF hat zwischenzeitlich den Standort Ochsenfurt an den ADAC übergeben. Während Ärzte und Ersthelfer am Standort verblieben sind, wurde Pilot Hippeli versetzt.
Text / Foto: Uwe Meuren

Von UM am 11. April 2011, 16:25 Uhr veröffentlicht
Thema: Sicherheitstipp

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