Erhebliche Mängel bei jedem siebten Bus
TÜV Bus-Report 2011 – Zu wenig Sorgfalt bei den Abfahrtskontrollen
Rund 5,5 Milliarden Passagiere sind in Deutschland alljährlich in Bussen unterwegs – das sind gut 15 Millionen pro Tag. Die meisten davon nutzen den Bus tagtäglich im Öffentlichen Personennahverkehr. Und für rund 100 Millionen Passagiere im Jahr ist er auch ein gern genutztes Verkehrsmittel für Ausflüge und Urlaubsreisen. Busse gelten allgemein als eines der sichersten Verkehrsmittel, auch wenn Busunfälle vor allem mit schnell fahrenden Reisebussen oft spektakulär und manchmal auch mit vielen Verletzten und Todesopfern verbunden sind. Wie sicher Busse konkret sind, wenn es um ihren technischen Zustand geht, das zeigte im vergangenen Jahr der erstmals veröffentlichte TÜV Bus-Report.
Das Echo auf ihn war so positiv, dass sich der Verband der Technischen Überwachungsvereine (VdTÜV) schon bald entschloss, den Bus-Report fortan alljährlich herauszugeben. Soeben wurde dessen aktuelle Ausgabe „TÜV Bus-Report 2011“ vorgelegt. Seine Basis sind die Daten von rund 50000 Hauptuntersuchungen, zu denen Busse jedes Jahr antreten müssen.
55,5 Prozent mängelfrei -13,8 Prozent ohne Plakette
Das Gesamtergebnis der aktuellen Mängelstatistik zeigt, dass 55,5 Prozent der bis zu 20 Jahre alten Fahrzeuge ohne Mängel waren. Das bedeutet allerdings auch, dass es bei 44,5 Prozent der geprüften Linen- und Reisebusse Beanstandungen gab. Bei 30,5 Prozent waren das leichte Mängel. Doch 13,8 Prozent und damit jeder siebte geprüfte Bus zeigte erhebliche Mängel und bekam ohne vorherigen Werkstattbesuch keine Prüfplakette. Die Quote der erheblichen Mängel steigt deutlich mit dem Fahrzeugalter – von 4,5 Prozent bei einjährigen Fahrzeugen über 11,2 Prozent bei fünf Jahre alten Bussen und 16,4 Prozent bei zehn Jahre Fahrzeugen auf bis zu 26,9 Prozent bei zwanzigjährigen Bussen. Und 0,2 Prozent aller Prüfkandidaten mussten sogar als „verkehrsunsicher“ stillgelegt werden – in konkreten Zahlen waren das 100 Fahrzeuge.
Technik insgesamt in ordentlichem Zustand
Sieht man sich die festgestellten Mängel genauer an, dann liegen, wie schon im vergangenen Jahr Mängel an der Beleuchtungsanlage mit 19,4 Prozent mit großem Vorsprung vor Mängeln an Motor und Antrieb (5,2 Prozent), Mängeln an Vorder- und Hinterachse (5,0 Prozent), Korrosion an tragenden Teilen (4,9 Prozent), mangelhafter Wirkung der Betriebsbremse (4,0 Prozent) oder einem zu großen Lenkungsspiel (2,6 Prozent). Diese Zahlen lassen erkennen, dass die große Mehrheit der Busse auf unseren Straßen bei den für die technische Sicherheit entscheidenden Positionen dank regelmäßiger Wartung und rechtzeitiger Verschleißreparaturen offensichtlich in einem ordentlichen Zustand ist. Der verschlechtert sich natürlich mit zunehmendem Fahrzeugalter. Denn die durchschnittliche Fahrleistung der zehnjährigen Busse lag bei 560 000 Kilometern und der fünfzehn Jahre alten Busse bei 650 000 Kilometern. Da nehmen verschleißbedingte Mängel zwangsläufig zu und die Wartungsansprüche steigen – bis sich ein weiterer Einsatz irgendwann nicht mehr rechnet.
Zu viel Nachlässigkeit bei den Abfahrtskontrollen
Nachdenklich macht allerdings, dass in der Mängelstatistik jeder fünfte Bus mit Beleuchtungsmängeln auffällt. Denn solche Mängel sind in aller Regel recht einfach zu erkennen und zu beseitigen und sie sind auch nicht altersbedingt. Hier scheint ganz offensichtlich menschliches Versagen eine wichtige Rolle zu spielen. Denn sowohl der Gesetzgeber als auch die Berufsgenossenschaften schreiben vor, dass jeder Busfahrer sein Fahrzeug vor Fahrtbeginn bei der so genannten Abfahrtskontrolle in wichtigen Punkten, zu denen auch eine einwandfreie Beleuchtung gehört, prüfen muss. Die hohe Zahl der bei einer solchen Prüfung nicht übersehbaren aber in der Praxis dennoch vorhandenen Beleuchtungsmängel lässt deshalb klar erkennen, dass diese Abfahrtskontrollen von vielen Busfahrern offensichtlich nicht mit der nötigen Sorgfalt vorgenommen werden.
Kein Bus vom Hof ohne Checkliste!
Das allerdings ist ein menschliches Fehlverhalten, das angesichts der hohen Verantwortung, die ein Busfahrer für seine Passagiere übernimmt, nicht geduldet werden darf. Ebenso, wie Flugzeugpiloten vor jedem Start konsequent die immer gleiche Checkliste durchgehen und abhaken müssen, sollte das auch von einem Busfahrer verlangt werden. Dafür muss in den Betriebsabläufen auch die notwendige Zeit eingeplant sein und technische Unterstützung etwa durch Spiegel für die Lichtkontrolle gegeben werden. Außerdem muss genau kontrolliert werden, dass kein Fahrzeug ohne Punkt für Punkt abgehakte Checkliste vom Hof rollt.
Fazit der Unfallzeitung: Schlampereien konsequent sanktionieren
Der nun bereits zum zweiten Mal veröffentlichte Bus-Report zeigt erneut, dass der größte Teil der Linien- und Reisebusse auf unseren Straßen sich technisch in einem ordentlichen Zustand befindet. Sehr deutlich wird zudem, dass die Wartungs- und Reparaturansprüche mit zunehmendem Alter der Busse, die bis zu zwei Jahrzehnte im Einsatz sind, deutlich steigt und die neben den Hauptuntersuchungen vorgeschriebenen Sicherheitskontrollen im Vierteljahresabstand unerlässlich sind. Nicht länger geduldet werden dürfen allerdings die offensichtlichen Schlampereien bei den Abfahrtskontrollen. Hier sollten Busfahrer ebenso wie die Betreiber von Bussen angesichts der hohen Verantwortung, die sie für ihre Passagiere tragen, rigoros in die Pflicht genommen werden, Fahrzeugchecks sauber dokumentiert werden und Unregelmäßigkeiten konsequent mit harten Sanktionen belegt werden.
Ingo von Dahlern/UnfallZeitung
Fotos: Daimler
Von Ivd/UnZe am 01. November 2011, 15:46 Uhr veröffentlicht
Themen: Sicherheit | Tests
Themen:
Alle Themen (471)Hinweis: Kombinieren Sie mehrere Themen miteinander, um nur Artikel anzuzeigen, die allen gewählten Themen entsprechen (Schnittmengen).
RSS Artikel
RSS Wissenswert
Ein Transporterwerk mit wechselha...
Verpflichtende Gesundheitsüberprü...
Kennen Sie wirklich noch alle Ver...
Kinder nehmen den Straßenverkehr ...
Das Reifenlabel kommt: Etwas mehr...
EU: Die Verkehrssicherheit ist i...
Unfallaufnahme und Unfallskizze
Das VW-Urteil des BGH und seine F...
Klartext zur so genannten "Winter...
Versicherungen drücken die Repara...
Schadensabwicklung: Wissen ist Ma...
Wohin steuert die Schadenssteueru...
Spektakulärer Test bestätigt Taug...
Zwei einfache Grundregeln für den...
Katastrophe am Bahnübergang
Zweiter Crashtest mit Pedalverste...
Erster Crashtest ohne Pedalverste...
Kippen auf Französisch






