Extrem wenige Verkehrstote und so viele Unfälle wie lange nicht

Die Verkehrsunfallstatistik für 2010 will sehr differenziert interpretiert werden

So wenige Verkehrstote wie seit 60 Jahren nicht mehr und so viele Unfälle wie seit elf Jahren nicht mehr – das sind zwei markante Rekorde aus der Verkehrsunfallstatistik für 2010, die dieser Tage vom Statistischen Bundesamt präsentiert wurde. Mit 3648 Verkehrstoten sank deren Zahl gegenüber 2009 um beachtliche 12 Prozent und der seit 1991 registrierte Trend des kontinuierlichen Rückgangs der Verkehrsopfer trotz steigenden Verkehrsaufkommens verstärkte sich sogar noch. Zugleich wurde das Jahr 2010 mit bundesweit 2,41 Millionen polizeilich erfassten Unfällen und damit 4,2 Prozent mehr als 2009 zum unfallreichsten Jahr seit 1999.

Von 21332 Toten 1970 hinunter auf 3648

Der Blick in die Unfallstatistik zeigt, dass die Zahl der Verkehrsopfer auf deutschen Straßen seit 1970 - damals wurden als trauriger Rekord 21332 Menschen im Straßenverkehr getötet - bis auf eine kurze Unterbrechung in den ersten zwei Jahren nach dam Mauerfall kontinuierlich sinkt. Verglichen mit diesem Höchststand 1970 sank die Zahl der Getöteten auf nur noch ein Sechstel (17 Prozent) und die Zahl der Verletzten verringerte sich um mehr als ein Drittel (36 Prozent) auf 371170. Diese Entwicklung ist umso erfreulicher, als sich der Fahrzeugbestand gleichzeitig stark erhöht hat. Gegenüber 1970 mit 20,8 Millionen registrierten Kraftfahrzeugen waren es 2010 immerhin 52,2 Millionen, so dass die Zahl der Todesopfer pro 10000 Fahrzeuge von 10,2 im Jahr 1970 auf statistisch nur noch 0,7 pro 10000 Fahrzeuge im vergangenen Jahr gesunken ist.

Auto kontinuierlich sicherer geworden

Solche Zahlen zeigen, dass das Verkehrsmittel Auto, das mit Beginn der Massenmotorisierung bis 1970 zusehends mehr Opfer forderte, seitdem kontinuierlich sicherer geworden ist. Zu den vielen Gründen, die zu dieser langfristigen positiven Entwicklung beigetragen haben, gehören die Einführung der Gurtanlagepflicht und der Helmtragepflicht sowie die Senkung der Promillegrenzen ebenso wie die ständige technische Verbesserung der aktiven und passiven Sicherheit unserer Fahrzeuge. Aber auch moderne Straßen, eine verstärkte Verkehrssteuerung, Verkehrskontrollen, eine intensive Verkehrserziehung und -aufklärung, städtische Fußgängerzonen, Radwege und nicht zuletzt eine verbesserte medizinische Erstversorgung haben dazu beigetragen, den Straßenverkehr sicherer zu machen.

Weiterhin hoher Handlungsbedarf

Doch auch wenn die Gefahr, bei einem Verkehrsunfall verletzt oder getötet zu werden, in den letzten Jahrzehnten dramatisch gesunken ist, darf das nicht zu dem Fehlschluss verleiten, sich nun zufrieden zurückzulehnen. Denn der Blick in die aktuelle Statistik zeigt, dass 2010 alle 13 Sekunden von der Polizei ein Verkehrsunfall erfasst wurde, alle 85 Sekunden ein Verkehrsteilnehmer verletzt wurde, alle acht Minuten ein Verkehrsteilnehmer schwer verletzt wurde und alle zwei Stunden ein Verkehrstoter zu beklagen war. Das macht deutlich, dass weiterhin Handlungsbedarf besteht und die Bemühungen, die Verkehrssicherheit auf unseren Straßen weiter zu verbessern, nicht nachlassen sollten.

Hauptursache „nicht angepasste Geschwindigkeit“


Hilfestellung dabei kann ein Blick in die sehr ausführliche Unfallstatistik des Statistischen Bundesamtes leisten. Denn mit ihrer Hilfe lassen sich unter anderem auch die wichtigsten Unfallursachen erkennen und damit Ansatzpunkte zu weiteren Verbesserung der Verkehrssicherheit finden. Das allerdings verlangt auch eine sachliche und insbesondere ideologiefreie Betrachtungsweise. Denn wenn zum Beispiel die Statistik für 2010 ausweist, dass „nicht angepasste Geschwindigkeit“ mit 16 Prozent die häufigste Unfallursache war und durch „zu schnelles Fahren“ 1441 Menschen und damit 40 Prozent aller Verkehrstoten des Jahres ums Leben kamen, so wäre es absolut falsch, daraus spontan die Forderung nach Tempolimits etwa auf Autobahnen abzuleiten.

Die meisten Todesopfer auf Landstraßen

Denn der genauere Blick auf die Zahlen lässt erkennen, dass zu schnelles Fahren vor allem dort wo Tempolimits bestehen, nämlich innerhalb geschlossener Ortschaften und insbesondere auf Landstraßen, als Unfallursache eine entscheidende Rolle spielt. Nur ganze 12 Prozent aller Verkehrsopfer kamen auf Autobahnen ums Leben, 28 Prozent auf Straßen innerhalb geschlossener Ortschaften und der Löwenanteil aller Todesopfer wurde mit 60 Prozent und damit 3648 auf Landstraßen registriert. Damit ist die Gefahr, bei einem Unfall getötet zu werden, auf Landstraßen am höchsten und fünf Mal so hoch wie innerorts. Dort allerdings besteht die größte Gefahr, überhaupt in einen Unfall verwickelt zu werden. Denn 68 Prozent und damit mehr als zwei Drittel aller Unfälle mit Personenschaden ereigneten sich 2010 innerhalb geschlossener Ortschaften und nur ganze 6,5 Prozent auf Autobahnen.

Mit Tempo 180 nicht automatisch ein „Raser“


Kurzum, die Statistik verlangt einen sehr differenzierten Umgang mit den dort ermittelten Zahlen und verbietet allzu plakative Interpretationen. Das gilt insbesondere für den oft leichtfertig gebrauchten Begriff des „Rasers“. Wer auf einer trockenen Autobahn bei freier Strecke und guter Sicht mit einem dafür geeigneten Auto Tempo 180 fährt, der fährt zugegeben sehr schnell, aber ist damit beim besten Willen kein Raser. Den Vorwurf, ein „Raser“ zu sein, muss sich dagegen gefallen lassen, wer in einer Tempo-30-Zone mit diesem Tempo bei Eis und Schnee an einer Schule vorbeifährt. Gleiches gilt für einen Radfahrer, der mit Tempo 15 durch eine belebte Fußgängerzone fährt und gegen den man, sollte er ein solches Dokument haben, dafür neben einer hohen Geldbuße und entsprechenden Flensburg-Punkten auch ein mehrmonatiges Fahrverbot aussprechen sollte.

Verkehrsüberwachung als bequemes Abkassieren


Weitere Hauptunfallursachen neben „nicht angepasster Geschwindigkeit“ waren mit 15,2 Prozent und damit zu hoher Geschwindigkeit fast gleichwertig Fehler beim Abbiegen, Wenden, Rückwärtsfahren, Ein- und Ausfahren". Und ein fast ebenso unfallträchtiges Fehlverhalten waren mit 14,4 Prozent das Nichtbeachten der Vorfahrt oder des Vorrangs anderer Fahrzeuge und als weitere Hauptunfallursache wurde mit 12 Prozent ungenügender Abstand registriert. Die fast volle Konzentration der Verkehrsüberwachungsmaßnahmen auf Tempoüberschreitungen erweist sich angesichts solcher Zahlen als eine zu den tatsächlichen Unfallursachen in völligem Missverhältnis stehende Maßnahme und es wird offenbar, dass es hier weniger um Verkehrssicherheit als um bequemes Abkassieren geht.

Entscheidende Rolle des Wetters für 2010

Ein interessanter Aspekt der Statistik für 2010 ist schließlich, dass die gegenüber dem Vorjahr so deutlich gesunkenen Unfallzahlen speziell auch den Witterungsverhältnissen in diesem Jahr geschuldet sind. Denn an seinem Beginn und Ende standen insgesamt drei extreme Wintermonate und zudem war das Jahr zu kalt und zu nass. Bedingungen, die sowohl die hohe Zahl der registrierten Verkehrsunfälle als auch die geringe Zahl der Verkehrstoten erklären können. Denn auf eisglatten Straßen ereignen sich schneller Unfälle, aber das unter solchen Bedingungen weniger schnell gefahren wird, bleibt es häufiger bei Sachschäden. Und neben den niedrigeren Geschwindigkeiten lässt auch die durch das schlechte Wetter geringere Verkehrsteilnahme insbesondere ungeschützter Verkehrsteilnehmer wie Fußgänger und Radfahrer die Zahl der Verkehrstoten sinken. Ein markantes Beispiel dafür, wie schwierig es angesichts der Bedeutung solcher Faktoren ist, Unfallzahlen und deren Entwicklung trotz des umfangreichen Datenmaterials angemessen zu interpretieren.
Text: Ingo von Dahlern/UnfallZeitung
Foto:© Sven Bähren - Fotolia.com

Von Ivd/UnZe am 21. Juli 2011, 11:20 Uhr veröffentlicht
Zuletzt bearbeitet am 21. Juli 2011, 12:02 Uhr
Themen: Statistik | Urteile



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