Jetzt schon an die Winterreifen denken
Jetzt schon an Winterreifen denken - das erscheint vielen doch ein wenig verfrüht. Doch machen wir uns nichts vor. Nach der Tag- und Nachtgleiche am 23. September sind die Nächte nun wieder länger als die Tage und werden täglich länger. Es ist Herbst und schon in wenigen Monaten wieder einmal Winter. Und wenn einem erst beim ersten Schnee einfällt, sich um Winterreifen zu kümmern, ist es definitiv zu spät.
Wie wichtig Winterreifen sind, hat der letzte Winter mit aller Deutlichkeit gezeigt. Knackig kalt mit Schnee und Eis, zugefrorenen Seen und Flüssen und Eis selbst auf der Ostsee sowie mit Temperaturen weit unter Null über viele Wochen war er eine Herausforderung für alle, die auf den Straßen unterwegs waren. Ohne Winterreifen und deren spezielle Profile und Laufflächenmischungen hatte man oft genug keine Chance, auf vier Rädern voranzukommen.
Nur noch fünf Prozent Umrüstverweigerer
Da wurden selbst die hartnäckigsten Umrüstverweigerer weich, deren Zahl sich in der letzten Wintersaison nach einer im Sommer von Goodyear Dunlop Tires Germany erstellten Studie im Vergleich zur Saison 2008/2009 glatt halbierte. Denn 87 Prozent der deutschen Autofahrer fuhren auf Winterreifen und acht Prozent auf Ganzjahresreifen, so dass im letzten Winter nur noch fünf Prozent auf Sommerreifen unterwegs waren.
Bußgeld für nicht geeignete Bereifung verfassungswidrig
Ob das erlaubt ist oder nicht, ist für viele Autofahrer immer noch eine unbeantwortete Frage. Das umso mehr, als das Oberlandesgericht Oldenburg (AZ 2 SsRS 220/09) mitten im Sommer entschied, dass ein Bußgeld wegen einer nicht „an die Wetterverhältnisse angepassten geeigneten Bereifung“ verfassungswidrig ist. Denn für einen Autofahrer sei es wegen fehlender gesetzlicher oder technischer Vorschriften darüber, welche Eigenschaften Reifen für bestimmte Wetterverhältnisse haben müssen, gar nicht möglich zu erkennen, was an die Wetterverhältnisse angepasste geeignete Reifen seien, wie sie die Straßenverkehrsordnung seit 2006 verlangt.
„Winterreifenpflicht“ – die gibt es auch seit 2006 nicht
Das Oberlandesgericht Oldenburg habe „die Winterreifenpflicht für unwirksam erklärt“, liest man seitdem immer wieder, wie erst dieser Tage beim TÜV-Süd. Doch eine „Winterreifenpflicht“ hat es, auch wenn uns das seit der 2006 von vielen Seiten immer wieder eingeredet wurde, in Deutschland nie gegeben. Denn ebenso, wie man die Forderung nach einer den Wetterverhältnissen angepassten geeigneten Bereifung als Forderung nach Winterreifen im Winter interpretieren kann, kann man daraus eine Sommerreifenpflicht im Sommer oder gar eine Regenreifenpflicht bei Regen ableiten. Kurzum, der Gesetzgeber hat mit seiner unklaren Forderung nach einer geeigneten Bereifung ganz offenbar ein schlampiges Gesetz gemacht.
Das allerdings ändert nichts daran, dass der nächste Winter vor der Tür steht. Und den gilt es, schlampiges Gesetz hin oder her, praktisch zu bewältigen. Und dafür, das haben die Erfahrungen der letzten Jahre und Jahrzehnte immer wieder gezeigt, sind auf winterliche Straßenverhältnisse optimierte Reifen mit denen man auf verschneiten und vereisten Straßen sicherer fährt als mit Reifen, die für sommerliche Straßenverhältnisse optimiert sind, inzwischen zu einer Selbstverständlichkeit geworden – und das sogar ohne Winterreifenpflicht.
Grundregel: Sommerreifen im Sommer – Winterreifen im Winter
Sommerreifen im Sommer, Winterreifen im Winter – das sollte deshalb gar nicht mehr diskutiert werden, sondern Grundregel für sicheres Vorankommen in allen Jahreszeiten sein. Doch zu diesem Reifenwechsel im Halbjahresrhythmus gibt es eine angesichts der Entwicklung der letzten Jahre immer attraktiver werdende Alternative. Denn neben Sommer- und Winterreifen bieten die Reifenhersteller auch Allwetterreifen an.
Wer die wählt, ist dabei auf den ersten Blick stets auf der sicheren Seite, weil er mit Allwetterreifen mit gutem Gewissen praktisch in jeder Jahreszeit fahren kann und nie umrüsten muss. Deshalb gelten Allwetterreifen auch als Ganzjahresreifen. Doch einen echten Allwetterreifen der unter allen Witterungsbedingungen Bestleistungen liefert, den gibt es leider ebenso wenig wie jene legendäre Eier legende Wollmilchsau. Denn auch für Allwetterreifen gilt, was grundsätzlich für jeden Reifen gilt: sein Leistungsprofil ist stets ein Kompromiss.
Die Alternative: Allwetterreifen
Daraus aber zu schließen, Allwetterreifen seien nichts Halbes und nichts Ganzes, ist angesichts der jüngsten Testergebnisse mit modernen Allwetterreifen offensichtlich vorschnell. Denn es stimmt zwar, dass diese Reifen unter extremen Bedingungen den ausgewiesenen Spezialisten für den Sommer und den Winter unterlegen sind. Aber für rund die Hälfte des Jahres, nämlich die Monate zwischen dem tiefen Winter und hohem Sommer, sind Allwetterreifen dafür geradezu ideal. Wer wenig fährt und nicht weiß, wo er einen zweiten Reifensatz lagern soll, und zum Beispiel im Winter nicht tagtäglich unter extremen Bedingungen auf verschneiten Bergstraßen unterwegs ist und seine Fahrweise sehr bewusst den Witterungsbedingungen anpasst und Extremsituationen meidet, der kann durchaus auf den zweiten Reifensatz verzichten, wenn er sich für einen qualitativ hochwertigen Allwetterreifen entscheidet.
Etwas anders ist die Lage bei ausgesprochenen Vielfahrern. Denn wer im Winter auch unter extremen Bedingungen jeden Tag hinters Steuer muss und dabei auch immer wieder kleinere und größere Steigungen bewältigen muss, der sollte im Winter unbedingt Winterreifen aufziehen – was natürlich automatisch bedeutet, dass er dann für den Sommer auch Sommerreifen braucht. Dann sollte man aber auch einen zweiten Felgensatz erwerben. Denn beim regelmäßigen Umrüsten nur eines Felgensatzes auf Sommer- und Winterreifen drohen immer wieder Reifenschäden.
Unterschiede optisch kaum erkennbar
Schwierig geworden ist es allerdings, mit einem prüfenden Blick Winterreifen von Sommerreifen oder Allwetterreifen zu unterscheiden. Denn moderne Winterreifen sehen abgesehen von einer Vielzahl feiner Lamellen auf den ersten Blick kaum anders aus als Sommerreifen. Und dass ihre Laufflächenmischung anders zusammengesetzt ist und ein wenig weicher und damit mehr Grip auf glatten Fahrbahnen bietet und bei tiefen Temperaturen weniger schnell hart wird, dass kann man mit dem Auge sowieso nicht erkennen.
Man muss deshalb den Herstellern solcher Reifen einfach glauben, dass bestimmte Typen Winterreifen sind, was unter anderem durch entsprechende Bezeichnungen wie Alpin, Winter Contact oder Snow Control signalisiert wird. Doch die Globalisierung hat auch vor der Reifenbranche nicht halt gemacht. Deshalb kann es zu einem Problem werden, bei völlig unbekannten Reifenmarken zu erkennen, ob ein Reifen ein Winterreifen ist.
M+S und Co ohne jeden Aussagewert
Denn auch die Bezeichnung „M+S“ oder „M&S“ ist kein zuverlässiges Kennzeichnen von Winterreifen. Da sie durch keinerlei Regeln definiert oder gar geschützt ist, kann jeder Hersteller seine Reifen mit „M+S“ versehen. Ein wenig verbindlicher ist das von der amerikanischen Straßenverkehrsbehörde NHTSA vergebene Schneeflockensymbol. Denn die damit gekennzeichneten Reifen müssen in einem Test eine gewisse Mindesttraktion auf Schnee und Eis erreichen. Dass Reifen trotz dieses Symbols keine echten Winterreifen sein müssen zeigt allerdings schon die Tatsache, dass man die Schneeflocke auch aus Allwetterreifen findet.
Um es kurz zu machen, es gibt bis heute kein eindeutiges Erkennungszeichen für Winterreifen, weder für Verbraucher noch für die Bereifungen kontrollierenden Polizisten. Ja die Lage ist noch viel kurioser. Denn es gibt bis heute auch keine technische Vorschrift oder Norm dafür, was ein „Winterreifen“ Ist – auch wenn zahlreiche Gesetze im Winter Winterreifen verlangen. All das sollte Autofahrer aber nicht davon abhalten, auch im nächsten Winter wieder Reifen zu montieren, die von den Herstellern als Winterreifen angeboten werden.
Auch für Transporter gibt es Winterreifen
Das gilt übrigens nicht nur für Personenwagen, auch für viele gewerblich genutzte Fahrzeuge vom Taxi über Krankenwagen und Servicefahrzeuge bis hin den Fahrzeugen von Kurier-, Express- und Paketdiensten, die zur Transporterklasse gehören. Denn auch für die gibt es heute ein breites Angebot von Winterreifen.
Wer für den kommenden Winter bereits benutzte Winterreifen montieren möchte, muss unbedingt darauf achten, dass die nicht beschädigt sind und vor allem mehr als das in Europa vorgeschriebene Mindestprofil von 1,6 Millimeter haben. Denn um ihre speziellen Winterqualitäten auszuspielen, brauchen sie mindestens vier Millimeter.
Ingo von Dahlern (UnfallZeitung)
Fotos:
© Miredi - Fotolia.com
© Udo Kroener - Fotolia.com
Von Ivd/UnZe am 26. September 2010, 10:29 Uhr veröffentlicht
Themen: Technik | Urteile | Winter
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