Kindersitz-Tester auf Abwegen

„Verbraucherschutztest“ mit härteren Bedingungen – einfach nur so

„Zu teilweise alarmierenden Resultaten kommt der aktuelle Kindersitz-Crashtest“ berichtet soeben der TÜV Süd. Denn nur fünf von neun getesteten Sitzen erhielten dabei das Prädikat „empfehlenswert“. Bei einem Sitz versagte sogar das Rückhaltesystem und machte die Sitzschale zu einem „tödlichen Flugobjekt“. Besorgte Eltern, die diese Ergebnisse lesen, fragen sich da natürlich, wie es möglich ist, dass 44,4 Prozent und damit knapp die Hälfte der getesteten Kindersitze lebensgefährlicher Schrott sind, vor dem man mit allem Nachdruck warnen muss. Sind die Kindersitzhersteller denn wirklich so verantwortungslos? Auch „UnfallZeitung“ war alarmiert – allerdings nur bis zu dem Moment, als wir „das Kleingedruckte“ zu diesem Test in einer Pressemeldung des TÜV Süd lasen. Denn das machte uns nachdenklich.

Wie nach den Regeln geprüft wird

Der TÜV Süd weist nämlich darauf hin, dass bei seinem für die Fachzeitschrift „auto motor und sport“ vorgenommenen Kindersitz-Crashtest „unter härteren Bedingungen ... als in den Normen gefordert“ getestet wurde. UnfallZeitung hat sich das genauer angesehen. Die für Kindersitze maßgebliche Norm ECE R44/04 schreibt vor, dass die auf der Fondbank einer Testkarosserie montierten Kindersitze bei Tempo 50 nach einer exakt vorgeschriebenen Verzögerungskurve auf einer Strecke von 650 Millimeter binnen 120 Millisekunden mit maximal 28g (g= Erdbeschleunigung) abgebremst werden müssen, wenn sie die Typzulassung erhalten wollen.

Mehr Tempo und stärkere Verzögerung

Der TÜV Süd hält sich nicht an diese Regeln. Seine Prüfgeschwindigkeit liegt mit 51 km/h um zwei Prozent höher, was die kinetische Energie des Systems um 4,04 Prozent erhöht. Und die maximale Verzögerung liegt mit 31g sogar um 10,3 Prozent über dem Höchstwert des Normtests und missachtet die vorgeschriebene Verzögerungskurve. Damit müssen die Sitze im Test des TÜV Süd viel höhere und vor allem auch andere Belastungen aushalten, als nach den Konstruktionsvorgaben vorgesehen. Das bedeutet aber auf keinen Fall, dass Sitze, die diesen „härteren Testbedingungen“ genügen, damit im realen Unfallgeschehen auch tatsächlich mehr Sicherheit bieten. Denn es könnte ja auch so sein, dass ihre größere Stabilität auch die biomechanischen Belastungen für die mit ihnen gesicherten Kinder erhöht und damit deren Verletzungsrisiko sogar steigt.

Wenig hilfreich für die Kaufentscheidung

Kurzum, die Sitze, die den Test unter „härteren Testbedingungen“ bestehen, bieten damit nicht automatisch auch „mehr“ Sicherheit, sondern lediglich „andere“ Sicherheit. Was die ausmacht und warum sie der Sicherheit vorzuziehen ist, die der Normtest prüft, wird nirgendwo erklärt. Für den Verbraucher und damit um die Sicherheit ihrer Kinder besorgte Eltern ist das allerdings alles andere als hilfreich für die Kaufentscheidung. Denn dieser „Verbraucherschutztest“, wie ihn der TÜV Süd einordnet, schafft nicht mehr Klarheit sondern verunsichert. Denn alle geprüften Sitze und damit auch die, die unter „härteren Bedingungen“ versagten, erfüllen offensichtlich die Norm. Und nichts, aber auch gar nichts beweist, dass die Sitze, die den TÜV-Test bestehen, damit auch sicherer sind.

Eine Behauptung ohne Beweis

So ist es schon sehr fragwürdig, wenn der TÜV Süd-Sicherheitsexperte Dr. Lothar Wech mit unverkennbarem Vorwurf meint: „Angesichts der Test-Ergebnisse drängt sich der Verdacht auf, dass einige Hersteller ihre Systeme exakt auf die Anforderungen der ECE 44 entwickeln.“ Doch wonach bitte soll sich ein Entwickler denn richten als nach der gültigen Norm, wenn er die Zulassung seines Produkts erreichen will und muss. Wechs Folgerung: „Der Test zeigt, dass noch mehr für die Sicherheit der Kinder getan werden kann“, klingt deshalb nur auf den ersten Blick plausibel – denn denkt man genauer nach, zeigt sich schnell, das der Test genau diese Aussage nicht erlaubt. Denn er liefert keinen Beweis dafür, dass die Sitze, die ihn bestehen, auch wirklich mehr Sicherheit bieten.

Gefährliche Verunsicherung

Fazit: Der besorgten Eltern vom TÜV Süd als Hinweis zu einem besseren Schutz von Kindern empfohlene so genannte „unabhängige Verbraucherschutz-Test“ erweist sich bei genauerem Hinsehen als gefährliche Verunsicherung der Verbraucher, der nicht aufklärt, sondern in die Irre führen kann. Denn allzu leicht kann hier der Eindruck entstehen, dass die Sitze, die beim Test des TÜV Süd versagt haben, ungeeignet sind, Kinder im Auto zu schützen. Besonders bedenklich ist zudem, dass in dem auf dem Test des TÜV Süd basierenden Artikel in „auto motor und sport“ dem Leser nicht einmal gesagt wird, dass hier nach einem Verfahren getestet wurde, das strenger als die ECE-Norm ist.

Echter Test oder nur „Rating“?

Um nicht missverstanden zu werden. Auch die UnfallZeitung setzt sich konsequent dafür ein, dass die Sicherheit von Kindern im Auto verbessert wird, wo immer das möglich ist. Und sie begrüßt auch jeden seriösen kritischen Test. Doch sie lehnt ebenso konsequent jene immer mehr um sich greifenden „Verbraucherschutz-Tests“ ab, bei denen die Testbedingungen einfach verändert werden, ohne den Verbraucher darüber und die sich daraus für die Sicherheitsbewertung ergebenden Konsequenzen ausreichend zu informieren. Wer so testet, wertet eher im Stil einer Ratingagentur - was leider auch für manche Aussagen des EuroNCAP gilt, dessen Ergebnisse in vielen Punkten nicht streng wissenschaftlich sondern nach verbraucherpolitischen Maßstäben bewertet werden. Dagegen ist zwar grundsätzlich nichts einzuwenden – aber dann sollte ein solcher „Test“ auch nicht mit dem Anspruch auftreten, den Regeln der Wissenschaft gerecht zu werden.
Ingo von Dahlern/UnfallZeitung
Foto:© Dron - Fotolia.com
ADAC

Von Ivd/UnZe am 27. September 2011, 14:16 Uhr veröffentlicht
Zuletzt bearbeitet am 27. September 2011, 20:00 Uhr
Themen: Kinder | Sicherheit



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