Mit schlechten Winterreifen sind ESP und Co. machtlos

Moderne Assistenzsysteme sind angewiesen auf die Reifenqualität

Schleudergefahr wegen Fahrbahnglätte durch Raureif, Eis und Schnee – für mich kein Problem denken da Autofahrer, deren Fahrzeuge mit ABS, ASR und der Fahrdynamikregelung ESP ausgestattet sind. Denn sie fühlen sich dank dieser Assistenzsysteme auf der sicheren Seite. Doch dieses Sicherheitsgefühl kann sich schnell als sehr trügerisch erweisen. Es stimmt zwar, dass ESP eingreift, wenn das Auto bei unvermuteter Glätte vom Kurs abzukommen droht. Doch ob dieser Eingriff auch ausreicht, den Kurs zu stabilisieren, hängt nicht nur von dem in diesem Augenblick gefahrenen Tempo ab, sondern ganz entscheidend auch von den Reifen, auf denen man unterwegs ist. Stimmt deren Qualität nicht, dann hat man schlechte Karten und findet sich schneller als man denkt im Straßengraben, wie es UnfallZeitung jüngst praktisch erfahren durfte.

Kreisbahn und Bremstest zeigen die Gefahr


Wie groß der Einfluss der Reifenqualität auf die Wirksamkeit der Fahrdynamikregelung ESP bei glatter Fahrbahn ist, zeigte die Fahrt mit Reifen unterschiedlicher Qualität auf einer Glätte simulierenden Kreisbahn. Denn ein mit dem hochwertigen Markenreifen Dunlop SP Winter Sport 4D ausgerüsteter Pkw ließ sich bis Tempo 30 und noch deutlich darüber hinaus sicher auf Kurs halten. Das mit einem „M+S“-Reifen eines nicht weiter bekannten asiatischen Herstellers war trotz eines klangvollen Namens auf den Reifenflanken und einer tollen Optik des Profils dagegen bereits bei Tempo 20 am Ende und brach aus – trotz des heftig eingreifenden ESP. Nicht weniger eindrucksvoll waren die Unterschiede bei der Vollbremsung auf glatter Fahrbahn. Denn mit einem billigen No-Name Reifen fielen die Bremswege erheblich länger aus als mit dem Markenreifen Goodyear UltraGrip 8.

Nur gute Qualität garantiert Sicherheit

Fazit der vom Reifenhersteller Goodyear Dunlop kurz vor Winterbeginn im Rahmen eines Workshops organisierten Demonstrationen: trotz aller modernen elektronischen Sicherheitssysteme ist die Qualität der am Fahrzeug montierten Reifen auch weiterhin das entscheidende Kriterium für die aktive Fahrsicherheit. Zwar können moderne Assistenzsysteme einen wirksamen Beitrag zur Erhöhung der Verkehrssicherheit leisten. Aber das entscheidende Bindeglied bei der Übertragung der Kräfte zwischen Fahrzeug und Straße ist und bleibt der Reifen. Und dessen Qualität entscheidet auch darüber, wie wirksam die Eingriffe von Assistenzsystemen im Ernstfall sind. Denn je schlechter die Reifeneigenschaften sind, desto schlechter wirken auch ESP und Co.

„M+S“ oft nur eine „Mogelpackung“

Das gilt grundsätzlich zu jeder Jahreszeit. Doch von besonderer Bedeutung ist dieser Zusammenhang bei extrem schwierigen Fahrbedingungen auf winterlichen Straßen, wo Reifen besonders gefordert werden. Zwar schreibt der Gesetzgeber seit dem vergangenen Jahr in einer als „Winterreifenpflicht“ verkauften Verordnung in Paragraf 2 Absatz 3a der Straßenverkehrsordnung (StVO) die Benutzung von „M+S-Reifen“ vor. Aber diese durch nichts geschützte Kennzeichnung ist ohne jeden Aussagewert über die tatsächlichen Wintereigenschaften eines Reifens und kann auch auf einem billigen Sommerreifen stehen. Damit ist „M+S“ eine geradezu klassische „Mogelpackung“, die als gesetzlich vorgeschriebenes Erkennungsmerkmal für Reifen für winterliche Straßenverhältnisse nicht nur untauglich sondern geradezu verantwortungslos gegenüber technischen Laien ist, wenn die sich darauf verlassen, mit Reifen mit „M+S“-Symbol im Winter auf der sicheren Seite zu sein. Man kann nur hoffen, dass die Irreführung durch ein derart schlechtes Gesetz nicht allzu oft zu folgenschweren Verkehrsbehinderungen oder sogar schweren Unfällen führt. Und besonders gespannt darf man darauf sein, wer dann verantwortlich gemacht wird.

Auf „Snowflake-on-the-Mountain“ achten

Damit Autofahrer im Winter größtmögliche Sicherheit haben, bei Fahrten auf winterlichen Straßen auch dafür geeignete Reifen zu haben, empfiehlt UnfallZeitung, auf jeden Fall mit Reifen zu fahren, die von seriösen Herstellern mit gutem Gewissen als „Winterreifen“ oder „Allwetterreifen“ angeboten werden. Auch die Ergebnisse seriöser Reifentests und eine verantwortungsvolle Beratung im Fachhandel helfen Reifen zu finden, bei denen nicht nur „M+S“ draufsteht, sondern auch tatsächlich drin steckt. Das gilt mit Sicherheit für Reifen, die neben dem „M+S“-Symbol das
so genannte „Snowflake-on-the-Mountain“-Symbol tragen, das eine Schneeflocke vor drei Bergspitzen zeigt. Denn das dürfen nur Reifen tragen, die in einem genormten Testverfahren zumindest einige definierte Winterqualitäten bewiesen haben. Aber lassen Sie sich nicht durch irgendwelche ähnlichen Symbole oder auch diverse Schneeflockenbilder auf den Reifen täuschen.

Mindestens 4mm Profil – Österreich besonders streng


Und noch ein wichtiger Sicherheitshinweis zum Schluss. Winterreifen sollten mindestens vier Millimeter Profil haben, damit sie ihre speziellen Winterqualitäten auch ausspielen und die elektronischen Assistenzsysteme auch optimal wirken können. Denn bei nur noch 1,6 Millimeter Restprofil ist der Effekt nur noch gering. Deshalb ist man in Österreich beim Profil besonders streng. Winterreifen müssen dort mindestens 4 mm Restprofil haben – mit weniger gelten sie selbst wenn sie Winterreifen sind automatisch als für Winterbedingungen unzulässige Sommerreifen. Und das kann Bußgelder von bis zu 5000 Euro kosten – mehr also, als manche Urlaubskasse!

Ingo von Dahlern/UnfallZeitung
Fotos: Goodyear Dunlop, Continental, Michelin

Weitere Beiträge der Unfallzeitung zu diesem Thema:
Klartext zur so genannten „Winterreifenpflicht“

Von Ivd/UnZe am 30. November 2011, 06:37 Uhr veröffentlicht
Zuletzt bearbeitet am 02. Dezember 2011, 08:22 Uhr
Thema: Winter



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