Reifenschäden: Man wundert sich, dass nicht mehr passiert

51.000 Reifenmängel wurden bei den Hauptuntersuchungen der KÜS im ersten Halbjahr 2013 festgestellt

Weshalb Autofahrer die Reifen ihres Wagens vernachlässigen – man weiß es nicht genau. Es könnte Gedankenlosigkeit, Leichtsinn, Vergesslichkeit oder einfach Nichtwissen um die Gefährlichkeit von abgefahrenen, beschädigten Pneus oder falschem Luftdruck sein. Auf jeden Fall sind die Experten der Reifenhersteller und Prüforganisationen entsetzt, in welchem Zustand sich die „Beine“ mancher Autos befinden.

Zu hoher oder zu niedriger Luftdruck, wem das egal ist, der spielt mit seinem Leben und dem der andern. „Es gibt Autofahrer“, sagt Peter Schuler, Geschäftsführer der Prüforganisation KÜS, „die holen ihren Neuwagen beim Händler ab und schauen dann frühestens nach zwei Jahren bei der ersten Inspektion nach ihren Reifen. Man wundert sich, dass nicht mehr passiert.“ Und weiter: „Selbst Vielfahrer gehen leichtsinnig mit dem Material Reifen um.“

Schuler muss es wissen. Bei den Hauptuntersuchungen (HU) haben die Prüfingenieure der KÜS die Reifen der Fahrzeuge besonders im Visier. Sie kontrollierten im Rahmen der HU in den ersten sechs Monaten dieses Jahres insgesamt 1,4 Millionen Autos. Dabei wurden über 1,6 Millionen Fahrzeugmängel festgehalten, gut 50.860 davon betrafen die Reifen. Peter Schuler betonte bei der Vorstellung der Untersuchungsergebnisse, dass „fast alle Mängel an den Reifen als ‚erhebliche Mängel’ eingestuft werden“. Das bedeutet: Es gibt erst mal keine neue Plakette, der Wagen muss erneut vorgeführt werden, dann mit einwandfreien Pneus. Schuler: „Diese Mängeleinstufung zeigt deutlich die Wichtigkeit intakter Reifen für die Verkehrssicherheit.“

Schaut man sich die Mängelstatistik genauer an, ist es erschreckend, wie nachlässig manche Autofahrer die Pneus behandeln. Bei den turnusmäßigen Fahrzeugprüfungen fand die KÜS im ersten Halbjahr rund 7.720 Mal Reifen mit Altersrissen, hinzu kamen 3.600 beschädigte und 4.180 Pneus mit anderen Schäden und Mängeln. Nicht eben klein war auch die Anzahl der Autos mit Reifen, die für das Fahrzeug nicht zugelassen waren. KÜS-Geschäftsführer Schuler: „Was in den Papieren eingetragen ist, muss auf dem Wagen drauf sein.“

Das größte Problem haben die Autofahrer jedoch mit der Profiltiefe. 15.630 Mal wurden bei der KÜS Karossen zur HU gebracht, deren Pneus noch nicht einmal mehr die gesetzlich vorgeschriebene Mindestprofiltiefe von 1,6 Millimeter aufwiesen. Dabei weisen sämtliche Reifenexperten seit Jahren darauf hin, dass so weit abgefahrene Reifen nicht mehr die nötige Sicherheit bieten. Denn der Bremsweg verlängert sich, die Aquaplaninggefahr steigt an, die Unfallgefahr wächst. Um auf Nummer sicher zu gehen, sollten bei Sommerreifen drei Millimeter und bei Winterreifen vier Millimeter nicht unterschritten werden.

Als Mangel wird auch bewertet, wenn bei Winterreifen der Aufkleber mit der zulässigen Reifenhöchstgeschwindigkeit nicht im Sichtbereich des Fahrers angebracht ist. Wichtig zu wissen: Das Symbol „M+S“ für „Matsch und Schnee“ ist nicht geschützt und kann im Prinzip auf jedem Reifen prangen, deshalb Vorsicht bei Billigreifen. Etwas anders verhält es sich beim Schneeflockensymbol, das tragen nur Reifen, die speziell für die kalte Jahreszeit entwickelt wurden.

Die Transporter gehören zu den Sorgenkindern. Bei den schnellen Lieferwagen sind gefährliche Reifenplatzer nicht ungewöhnlich. Die Fahrzeuge sind häufig überladen, kommen dann noch vernachlässigte oder gar beschädigte Pneus, falscher Luftdruck oder hohes Tempo hinzu, hält das kein Reifen lange aus. „Es ist nicht sehr angenehm, wenn einem auf der Autobahn der Reifen um die Ohren fliegt“, sagt KÜS-Geschäftsführer Schuler nüchtern fest.

Die Crux ist, dass Reifenschäden oft von den Autofahrern nicht entdeckt werden können, weil sie auf der Innenseite liegen, Ausbeulungen etwa oder Schnittverletzungen durch Bordsteinkanten, die ziemlich scharf sein können. Dann ist es schnell passiert, wenn man beim Parken an einem Bordstein entlangschrappt. Oft tritt der Luftverlust nicht sofort ein, sondern erst später auf der Autobahn, und dann hat man ein Problem.

Vernachlässigen sollte man auch nicht das Reifenalter. Das Reifenmaterial „verbraucht“ sich, erklärt Schuler. Denn Lösungsmittel und Additive in der Laufflächenmischung entweichen mit der Zeit. Die Folge: Die Eigenschaften der Pneus verschlechtern sich. Das gilt vor allem für den Grip bei Winterreifen, haben ADAC-Untersuchungen gezeigt. „Tatsache ist“, betont auch der Autoclub, „frischer Gummi greift am besten“. Beim Kauf sollten Reifen deshalb nicht älter als drei Jahre sein. Darauf kann man bei der Bestellung hinweisen. Wie alt ein Reifen ist, kann man am Produktionsdatum ablesen, das nach dem DOT-Schriftzug in der Reifenflanke eingeprägt ist. Dabei bedeutet zum Beispiel die Nummernfolge „0612“, dass der Reifen in der sechsten Woche des Jahres 2012 hergestellt wurde. Spätestens nach zehn Jahren sollten Reifen (das gilt auch für Reservepneus) gegen jüngere ausgetauscht werden. Selbst dann, wenn sie durchaus noch gebrauchsfähig erscheinen und die Profiltiefe ausreicht. Sicher ist sicher.

Text: Beate M. Glaser (kb)
Foto: © Jan Jansen - Fotolia.com

Von RobGal am 25. September 2013, 11:19 Uhr veröffentlicht
Themen: Sicherheit | Statistik



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