Restwert-Abzocke - wie lange noch?

Unfallgeschädigte werden für dumm verkauft

Je höher der Restwert umso weniger der Schadenersatz, den sie an die Geschädigten zahlen müssen. Wenn die Reparaturkosten den Wiederbeschaffungswert übersteigen, ist die Versicherung nicht mehr verpflichtet eine Reparatur zu zahlen. Damit ist der Unfallwagen ein wirtschaftlicher Totalschaden. Jetzt kann die Versicherung den Restwert vom Wiederbeschaffungswert abziehen und nach dem sogenannten Wiederbeschaffungsaufwand abrechnen. Der Restwert wird also von der auszuzahlenden Schadenersatzsumme abgezogen.


Die gängige Praxis

Kein Wunder, dass Versicherungen keine Mühe scheuen, den Restwert hochzupeppeln. Sie bieten den Unfallwagen auf überregionalen Restwertbörsen an, wo höhere Preise durch überregionale Bieter, die das kostenlose Abholen des Wagens mit anbieten, an der Tagesordnung sind. Auch wenn die Seriosität dieser Bieter häufig angezweifelt wird – die Masche zieht.

Das Verblüffende daran: Geschädigte bzw. deren Sachverständige dürfen den Restwert auf dem regionalen Markt selbst ermitteln. Die Preise auf dem regionalen Markt sind niedriger als diejenigen, die im Dschungel der Internet-Restwertbörsen auf manchmal dubiose Weise erreicht werden. Gesetz und Rechtspraxis segnen die Preisermittlung auf dem regionalen Markt ausdrücklich ab und verurteilen damit implizit die Vorgehensweise der Versicherungen (siehe dazu auch unseren Artikel in der Unfallzeitung).

Wie kommt es, dass Geschädigte dennoch reihenweise für dumm verkauft werden und die Versicherung erhebliche Summen gewinnt? Wie so oft im Leben, wird auch hier auf Unwissen gebaut. Die Masche funktioniert, weil die Geschädigten ihre Rechte nicht kennen. Die meisten von ihnen haben keine Rechtschutzversicherung und fürchten den Gang zum Anwalt, nicht ahnend, dass das Honorar des Rechtsanwalts von der gegnerischen Versicherung bezahlt werden muss.

Ihre „Lizenz zum Gelddrucken“ per Restwertermittlung möchten die Versicherungen nun erweitern. Mit teilweise wettbewerbswidrigen Methoden versuchen sie, freie Sachverständige zur Überlassung der Rechte an ihren Schadenslichtbildern zu überreden. Denn diese Fotos kommen gut an in den Internet-Restwertbörsen. Geht der freie Sachverständige darauf ein und verkauft die Rechte an die Versicherung, verrät er die Interessen seiner Kunden und fällt ihm in den Rücken.


Die Rechtslage

Geschädigte sind (abgesehen von extremen Ausnahmen) nicht verpflichtet, die Versicherung des Unfallgegners zu kontaktieren, und genausowenig sind sie verpflichtet, das von der Versicherung ermittelte Höchstgebot aus Internet-Restwertbörsen abzuwarten und/oder zu berücksichtigen:

... der Gutachtensumfang (wird) durch den Gutachtensauftrag und nicht durch das Interesse des Haftpflichtversicherers des Unfallgegners an einer besonders kostensparenden Schadensabrechnung bestimmt ...“
(BGH-Urteil vom 13.1.2009, AZ VI ZR 205/08)


Kfz-Sachverständige von Geschädigten dürfen sich bei der Ermittlung des Restwertes auf den regionalen Markt beschränken:

„Es sind im Regelfall 3 Angebote auf dem maßgeblichen regionalen Markt zu ermitteln... . Das höchste Gebot des regionalen Marktes ist als Restwert im Gutachten festzulegen.“ (BGH-Urteil vom 13-10.2009, AZ VI ZR 318/08)

Durch die Verwendung der Lichtbilder aus dem Schadensgutachten der Sachverständigen in den Internet-Restwertbörsen verletzen die Versicherungen das urheberrechtlich geschützte Verbreitungsrecht der Kfz-Sachverständigen.
(Grundlage: Urteil des 1. Zivilsenats des BGH im Urteil vom 29.04.2010, AZ I ZR 68/08)



Fazit der Unfallzeitung

Gesetz und Rechtsprechung schützen Unfallopfer und Geschädigte vor einer unrechtmäßigen Kürzung ihrer Schadenersatzansprüche durch die gegnerische Versicherung. Geschädigte sollten über diesen gesetzlichen Schutz besser Bescheid wissen und ihn mit Hilfe kompetenter Spezialisten (unabhängige Kfz-Sachverständige und Rechtsanwälte für Verkehrsrecht) tatsächlich nutzen.

Wir vermissen in diesem Bereich entschiedene Worte derjenigen Instanzen, die sich dem Verbraucherschutz verschrieben haben!
Fotos
© Unfallzeitug.de

Von RobGal am 29. Dezember 2011, 11:34 Uhr veröffentlicht
Zuletzt bearbeitet am 29. Dezember 2011, 11:36 Uhr
Themen: Restwert | Urteile | Verkehrsrecht | Versicherung



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