Schwere Unfälle: Jetzt geht´s gegen die Smartphones

Experten beklagen die Zunahme schwerer Verkehrsunfälle | Ablenkung, Rasen und zu dichtes Auffahren sind Hauptgründe / Vision Zero kein Selbstgänger / Kritik an der Regierungspolitik

Solange das Statistische Bundesamt Jahr für Jahr sinkende Unfallzahlen meldete, blieben Mahnungen vor zu viel Ablenkung während der Fahrt eher ungehört. Viele Verantwortliche meinten, dass es mit dem Handyverbot getan sei. Nun zeigt sich aber, dass die Ablenkung während der Fahrt erheblich zu den erhöhten Unfallzahlen beiträgt, auch wenn genaue Erhebungen fehlen. Tatsache ist, dass sich der anhaltend hohe Druck im Berufsleben und die stete Erreichbarkeit auf das Fahrverhalten auswirken: Schnelligkeit ist gefragt, bei der Arbeit wie bei der Mobilität.

Erneut gab es einen Zuwachs bei den Verkehrstotenzahlen. Nach 2014 kamen auch 2015 mehr Verkehrsteilnehmer bei Unfällen ums Leben. Das Statistische Bundesamt registrierte im vergangenen Jahr exakt 3.475 Verkehrstote, das waren 98 oder 2,9 Prozent mehr als im Vorjahr, in dem bereits 38 Tote mehr als 2013 zu beklagen waren. Auch die Zahl der Verletzten stieg. 393.700 bedeuteten ein Plus von 1,1 Prozent.

„Fokussierung auf die Maßnahmen, die den größten Nutzen versprechen“, fordert nun der Deutsche Verkehrssicherheitsrat (DVR). Und damit meint er: Tempo 80 auf sehr schmalen Landstraßen und Überholverbot, wo schlechte Sicht ein gefahrloses Überholen unmöglich macht. Notwendig sei zudem, so die Sicherheitsexperten, „konsequent“ die Tempolimits zu überwachen und „erhebliche“ Tempoüberschreitungen auch zu bestrafen. Denn hohe Geschwindigkeiten haben gekoppelt mit zu dichtem Auffahren schwere Crashs zur Folge. Als dritten Punkt fordert der DVR ein generelles Alkoholverbot am Steuer.

Weil ältere Verkehrsteilnehmer und junge Fahrer überproportional an Verkehrsunfällen beteiligt seien, müssten diese beiden Gruppen mehr in den Blick genommen werden, verlangt der Verkehrssicherheitsrat. Durch freiwillige Gesundheitschecks für ältere Autofahrer und freiwillige „Feedback“-Fahrten unter professioneller Anleitung auch für junge Fahrer könnte manches Problem gelöst werden, glaubt der DVR. Junge Fahrer bräuchten „längere Lernzeiträume“, daher sollten „Möglichkeiten der Selbstreflexion, sogenannte Korrekturschleifen“, in die Fahrausbildung und in die Anfangszeit des selbstständigen Fahrens integriert werden.

„Extensive Infotainment-Nutzung“

Der ACE sieht einen Hauptgrund für die Zunahme der schweren Unfälle in den hohen Geschwindigkeiten auf der Autobahn, dem zu dichten Auffahren und der „um sich greifenden Ablenkung“ durch „extensive“ Infotainment-Nutzung. Der Klub appelliert an die Hersteller, Smartphones und ähnliche Geräte während der Fahrt automatisch abzuschalten, zeigt mit dem Finger aber auch auf die Politik: „Wer bei Handysündern nicht konsequent vorgeht, braucht jetzt nicht überrascht zu sein, dass die Unfallzahlen steigen“. Der ACE fordert, dass die Polizei bei der Unfallaufnahme in Zukunft festhält, ob der Fahrer telefoniert, gesimst oder gesurft hatte. Nur dann könnten belastbare Daten zum Unfallrisiko durch Smartphones erhoben werden.

Allerdings geschehen die meisten tödlichen Unfälle auf den Bundes- und Landstraßen, rund 60 Prozent. Deshalb verlangt der ACE, dass die Ergebnisse von Unfallstreckenanalysen der Behörden veröffentlicht und Unfallschwerpunkte wie Kurven „zügig“ entschärft werden. Doch auch hier kritisiert der ACE die Politik: In den vergangenen Jahren seien Gelder für die Verkehrsinfrastruktur dem Rotstift zum Opfer gefallen, sichtlich erkennbar am „mangelhaften Zustand“ der Verkehrswege, schimpft der ACE. „Wenn in den nächsten Jahren nicht deutlich mehr Geld für die Verkehrswege und die Verkehrssicherheitsarbeit zur Verfügung gestellt wird, wird die Bundesregierung ihr Ziel, die Zahl der Verkehrstoten bis zum Ende des Jahrzehnts um 40 Prozent gegenüber 2010 zu reduzieren, wohl endgültig kassieren müssen“, warnt der Klub. Vision Zero – null Verkehrstote ist das große Vorhaben der Europäischen Union, das in den 1990ern in Schweden seinen Anfang nahm und das sich eigentlich auch die Bundesregierung auf die Fahnen geschrieben hat.

Kritik an der Verkehrspolitik der Bundesregierung kommt auch vom VCD, der sich zudem heilige Kühe des deutschen Verkehrs zur Brust nimmt. „Es wird höchste Zeit“, so der ökologische Verkehrsklub, „dass die Politik konsequent und mutig handelt“. Gemeint sind Tempolimits: Innerorts sollte nach dem Willen des VCD eine „Basisgeschwindigkeit“ von 30 km/h eingeführt werden, auf schmalen Landstraßen sollte maximal 80 km/h gelten und auf Autobahnen 120 km/h. Gleichzeitig möchte der VCD den ÖPNV und den Fahrradverkehr stärker gefördert sehen.

Text: Beate M. Glaser (Kb)
Foto: © cunaplus - Fotolia.com

Von RobGal am 11. März 2016, 10:55 Uhr veröffentlicht
Zuletzt bearbeitet am 15. März 2016, 12:18 Uhr
Themen: Sicherheit | Unfall



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