Teil 2 – Rückblick auf das Jahr 1996: Elektroautos, Brennstoffzellenautos, Drei-Liter-Auto

In Kb-Ausgaben von vor zwanzig Jahren geblättert

15 Jahre vor der Reaktorkatastrophe im japanischen Fukushima: Der letzte französische Atombombentest auf dem Moruroa-Atoll löst 1996 weltweite Proteste gegen den konservativen Präsidenten Jacques Chirac aus. In England gelingt, begleitet von protestierenden Umweltschützern, zum ersten Mal das Klonen eines Säugetiers, des Schafes Dolly. Fokker meldet 1996 Insolvenz an, das Mutterunternehmen Daimler-Benz hatte sich zuvor von dem niederländischen Flugzeughersteller getrennt.

Umweltschutz wird 1996 großgeschrieben. Die Automobilwirtschaft wirbt mit gedrosseltem Kraft-stoffverbrauch, es gibt bereits etliche Elektroautos. Als erster europäischer Autovermieter nimmt Europcar, 1996 noch eine VW-Tochter, mit dem Golf City-Stromer ein Elektroauto ins Angebot. Der Elektro-VW konnte jedoch ausschließlich am Frankfurter Hauptbahnhof gemietet werden. Da war die Schweiz schon weiter. Sie war 1996 das Elektroauto-Land Nummer eins in Europa: Es gab 14 Anbieter und 21 Elektromodelle mit Reichweiten von bis zu 250 Kilometern. Frankreich subventionierte bereits 1996 den Kauf eines Elektroautos.

Vom VW Golf City-Stromer wurden in einem Jahr nur hundert Stück abgesetzt. Er kostete 1996 über 40.000 Mark (etwa 20.500 Euro). Aber auch Citroën wurde elektrisch und präsentierte den AX Electrique Anfang des Jahres beim Genfer Salon. Fiat wartete mit der Elektrostudie Zic auf, einem futuristisch gezeichneten Kleinstwagen, und mit dem Panda Elettra, der hierzu-lande nur dreißig Käufer fand. Renault hatte den Elektro-Clio als Rallyeversion in Genf dabei (Reichweite: 40 Kilometer), VW den City-Stromer als Stadtlieferwagen. Das erste Hybridauto aus dem Hause Renault wurde als Prototyp vorgestellt. Basis des Hymne war der Kleintransporter Rapid, er wurde wechselweise durch den 1,1-Liter-Motor des Clio (65 PS) oder durch einen 20 PS starken E-Motor angetrieben. Die Energie stellte eine Nickel-Kadmium-Batterie bereit.

Auf dem Genfer Autosalon im Frühjahr waren die Stromer insgesamt jedoch kaum ein Thema. Die Hürden waren damals die gleichen wie heute: mangelhafte Ladeinfrastruktur, geringe Reichweiten, Batterieproblemen und sehr hohe Kaufpreise. Doch anders als heute wurden die meisten Projekte vor zwanzig Jahren nicht weiter verfolgt – immerhin wurden sie später wieder aus den Schubladen geholt.

Eine von Automobilkonzernen und dem Bundesforschungsministerium durchgeführte Untersuchung zur Alltagstauglichkeit von Elektroautos auf Rügen fand 1996 ihren Abschluss. Die Versuchsstromer hatten zwischen 1992 und 1996 im Schnitt 25.000 Kilometer zurückgelegt, einige kamen auf 40.000 Kilometer. Im selben Jahr entwickelte Sony Lithium-Ionen-Akkus für Elektroautos, die ursprünglich für Videokameras und Motiltelefone entwickelt worden waren.

Woran das Umweltbundesamt heute bestimmt nicht mehr gern erinnert wird: Einer seiner Abteilungsleiter sagte 1996 auf einer VW-Veranstaltung, dass Elektroautos „heute keinen Sinn“ mach-ten. Wegen der künftigen geringen Abgasgrenzwerte für konventionelle Motoren trügen die Stromer nicht zur Entlastung der Luft in den Innenstädten bei. Es sei unsinnig, die schweren Batterien mitzuschleppen und dadurch den Verbrauch zu erhöhen, meinte der Umweltexperte damals.

1996 gab der Wasserstoffantrieb seinen Einstand. Mercedes und Toyota stellten Prototypen von Brennstoffzellenautos vor: Basis für den Toyota FCHV war das SUV RAV4, bei Mercedes war es die A-Klasse mit langem Radstand. Der Antriebsstrang des Mercedes F-Cell wurde im Sandwichboden des Wagens untergebracht.

Greenpeace macht bei der IAA mit

Sinnfälliger Ausdruck für das wachsende Umweltbewusstsein war auch, dass die Tankstellen ab Oktober 1996 kein verbleites Superbenzin mehr anboten. Das Blei sollte die Klopfeigenschaften des Motors senken, schädigt aber die Umwelt. Ab den siebziger Jahren wurde der Bleigehalt im Benzin nach und nach reduziert, bleifreies Benzin wurde billiger und die Motoren vom Blei unabhängig gemacht. Die Automobillobby hatte in den siebziger Jahren noch den „Tod von Millionen Motoren“ durch bleifreies Benzin vorausgesagt. Bis 1996 war der Marktanteil des bleifreien Kraftstoffs auf über 96 Prozent gestiegen.

Etwas Besonderes war auch der Auftritt von Greenpeace bei der Pkw-IAA 1996. Die Umweltaktivisten protestierten nicht wie sonst mit einer spektakulären Aktion vor den Messetoren, vielmehr präsentierten sie sich in der Messe – und zwar mit einem Auto: dem ersten Drei-Liter-Auto der Welt. Den umgebauten Renault Twingo nannte Greenpeace Twingo Smile.

Als Meilenstein im Motorbau stellte Opel 1996 den ersten direkteinspritzenden Dieselmotor mit vier Ventilen für den Serieneinsatz vor, eine Eigenentwicklung. Die Hochdruckeinspritzpumpe steuerte Bosch bei. Der neue Motor verbrauchte 17 Prozent weniger Sprit und wurde als 2,0- und 2,2-Liter-Aggregat mit 80, 100 und 120 PS angeboten. Volkswagen hatte vor 20 Jahren von Polo über Golf bis Passat Variant bereits 17 Modelle im Programm, die im Normdurchschnitt rund fünf Litern verbrauchten, ausnahmslos Dieselmodelle mit Direkteinspritzung. Volvo begann im Sommer 1996 als weltweit erster Hersteller, Pkw mit geregelten Dreiwegekatalysatoren in die USA zu exportieren, davor waren nur ungeregelte Kats im Einsatz. In Deutschland waren1996 bereits 75 Prozent aller zugelassenen Fahrzeuge mit einem Katalysator ausgestattet.

Aral eröffnete 1996 in Kassel die erste öffentliche Erdgastankstelle, heute gibt es bundesweit rund 900 CNG-Stationen. Als eine der ersten Autoproduktionsstätten in Europa hatte das damals noch bestehende Opel-Werk in Bochum 1996 das Öko-Audit-Zertifikat erhalten. Mercedes wollte als erster Produzent das bis zu 20 Kilogramm schwere Ersatzrad loswerden, um Gewicht und damit Kraftstoff zu sparen. Weil jedoch leichte Noträder bei den Kunden nicht gut ankamen, versuchten es die Stuttgarter mit einem Faltrad, danach mit dem Reparaturset „Tirefit“; das sich bis heute im Einsatz befindet.

Sicherheit: Aktive Kopfstütze gegen Schleudertrauma

Auch auf die Sicherheit wurde 1996 geachtet. Saab entwickelte zusammen mit dem Zulieferer Delphi die aktive Kopfstütze „Pro-Tech“ gegen das gefürchtete Schleudertrauma. Der schwedische Autobauer, der zur Zeit von dem japanisch-chinesischen Konsortium NEVS als Elektroautohersteller wiederzubeleben versucht wird, führt 1996 zudem das Fellow-me-Home genannte Lichtsystem ein, welches das Abblendlicht nach dem Abschalten des Motors eine Minute lang anlässt, damit man im Dunkeln den Weg zur Haustür oder Einfahrt findet. Das EU-Parlament verabschiedet eine neue Norm für Seitenaufprallcrashtests. Neuentwickelte Modelle müssen ab Oktober 1998 dieser Norm entsprechen. Ford startet mit dem Ka, er ist einer der ersten Kleinstwagen und kommt besonders bei den Autofahrerinnen überaus gut an.

Der ADAC führt im Frühjahr 1996 das Staumeldersystem ein, bei dem Autofahrer einen Stau via Mobiltelefon melden, was dem Klub ermöglicht, besonders aktuell über Wartezeiten auf den Autobahnen zu informieren. Vor allem Geschäftsreisende machten mit, bis zum Sommer hatten sich 15.000 Autofahrer als Staumelder registriert – die ADAC-Staumelder gibt es bis heute. Diskutiert wurde 1996 über ein flächendeckendes Tempolimit von 30 km/h für den Innerortsbereich. Der damalige Bundesverkehrsminister Matthias Wissmann (CDU), heute Präsident des Verbandes der Automobilindustrie (VDA), war jedoch dagegen, weil solch ein Limit eine Scheinsicherheit erzeuge.

Das Bundesverwaltungsgericht lehnt 1996 eine Regel-MPU (medizinisch-psychologische Untersuchung) für Berufskraftfahrer ab. An Autobahnraststätten entstehen bundesweit die ersten Frauenparkplätze. An der A 9/A 99 zwischen Nürnberg und München wird Deutschlands erstes Autobahnparkhaus für Pkw und Busse eröffnet. Damit soll die Münchener Innenstadt vom Autoverkehr entlastet werden. In Düsseldorf plant man das erste Parkhaus für Fahrräder. Es wird erst 13 Jahre später im September 2009 mit 500 Stellplätzen eröffnet.

Text: Beate M. Glaser (kb)
Foto: © julien tromeur - Fotolia.com

Von RobGal am 10. Februar 2016, 12:22 Uhr veröffentlicht
Zuletzt bearbeitet am 03. März 2016, 13:14 Uhr
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