Unfallrettung - steinzeitlich oder zeitgemäß?
Unfallstatistik 2011 zwingt zum Umdenken
Im Jahr 2011 stieg erneut die Anzahl der Verkehrstoten. Die Zahl der Unfälle sinkt, weil moderne Autos technisch besser ausgerüstet und sicherer sind. Dennoch sterben wieder mehr Menschen auf der Straße. Es sollte mehr für die Unfallrettung getan werden, damit diese unheilvolle Tendenz gestoppt wird.
Wir sind alle gefordert, denn jeder von uns kann zur Verkehrssicherheit beitragen. Diszipliniertes Verhalten im Straßenverkehr ist jedoch nicht alles. Die Unfallrettung spielt hier eine entscheidende Rolle, ihre Ausrüstung hat aber mit dem technischen Fortschritt der neueren Fahrzeuggenerationen nicht Schritt gehalten. Wenn Verkehrsminister Ramsauer die Zahl der Verkehrstoten erneut senken möchte, sollte er sich das Niveau der medizinischen und technischen Aspekte der Unfallrettung genauer ansehen. Die Rettung von Menschenleben am Unfallort kann nur so gut sein wie das Zusammenspiel zwischen technischer Ausführung und medizinischer Versorgung. Einsatz und Tätigkeit der Feuerwehr und der Notärzte müssen genau aufeinander abgestimmt und gut koordiniert erfolgen – Kompetenzgerangel ist hier fehl am Platz.
Veraltete, unpassende Ausrüstung
Die Ausrüstung der Freiwiligen Feuerwehr stammt aus den Achtzigern des vergangenen Jahrhunderts und ist nicht mehr zeitgemäß. Dies hat die Unfallzeitung öfters thematisiert, etwa am Beispiel veralteter Rettungsscheren. Die Berufsfeuerwehr in den Städten ist wesentlich besser ausgerüstet. Die Freiwillige Feuerwehr leidet auch unter massiven Nachwuchssorgen, so dass bereits 600 Standorte geschlossen werden mussten. Personalmangel und veraltete Ausrüstung sind denkbar schlechte Voraussetzungen, wenn es um Unfallrettung auf Landstraßen geht, wo die meisten Verkehrstoten und Schwerverletzten zu beklagen sind.
Unterbauchverletzungen auf dem Vormarsch
Bei Schwerverletzten in kritischem Zustand entscheiden wenige Minuten über Leben oder Tod. Nicht zuletzt auf Grund neuer Sicherheitstechniken (Airbag, Gurtstraffer, verbesserte Autositze und wesentlich stabilere Karosserien) sind heute nicht mehr Rückenverletzungen und Querschnittslähmung die häufigsten Unfallfolgen bei schweren Unfällen. Gravierende Rückenverletzungen werden nur noch bei 5 Prozent aller Verletzten registriert, der Anteil der Verletzungen im Bauchbereich steigt hingegen stark an. Unterbauchverletzungen ziehen häufig schwere Organtraumata nach sich. Die Zahlen der Deutschen Gesellschaft für Unfallchirurgie weisen nach, dass zwischen Verletzung und Eintreffen im Schockraum durchschnittlich 72 Minuten vergehen.
Zeit sparen durch passende Technik
Der strategische Punkt bei der Rettung ist die Befreiung eingeklemmter Schwerverletzten aus dem Autowrack. Wenn die Feuerwehr das Dach ringsum mühsam aufschneiden muss, um die Verletzten schonend aus dem Wrack zu holen und somit eine Querschnittslähmung zu vermeiden, geht viel Zeit verloren. Aber gerade bei der steigenden Anzahl von Unterbauchverletzungen steht die schnelle Rettung im Vordergrund. Diese entscheidenden Minuten könnten mit der zeitgemäßen Zylindertechnik eingespart werden. Die Zylindertechnik verschafft rasch einen großen Zugang im Opferbereich, damit die Verletzten auf kürzestem Weg befreit werden können. Viele Notärzte wissen: Die „Golden Hour of Shock“, die berühmte längste Zeitspanne, die zwischen Verletzung und Eintreffen im Schockraum des Krankenhauses nicht überschritten werden darf, ist überholt. Das Prinzip mag für Schussverletzungen im 1. Weltkrieg gültig gewesen sein, bei den heutigen Unfallverletzungen ist eine solche Zeitspanne viel zu lang.
Fazit der Unfallzeitung
Mit dem Unfallgeschäft werden Milliarden verdient. Wohin das Geld fließt, hängt stark davon ab, wie stark für die Branche Lobbying betrieben wird. Die Unfallrettung kommt dabei nicht so gut weg, obwohl ihre Aufgabe, die Lebensrettung, erste Priorität für die Politik haben sollte. Mehr Traumazentren und eine bessere Ausstattung und sind unerlässlich. Die Freiwillige Feuerwehr auf dem Land braucht finanzielle Unterstützung, damit sie die bundesweit geltenden technischen Standards einhalten kann. Über den maximal zulässigen zeitlichen Rahmen für die Rettung durch die Feuerwehr sollten Notärzte entscheiden.
Unser Verkehrsminister, Herr Ramsauer, kann uns gerne beim Wort nehmen – wir schicken ihm versierte Fachleute ins Haus, die Ihm genau erklären können, mit welchen Techniken heute Unfallopfer schneller geborgen und gerettet werden können.
Roberto Galifi
Fotos:
© Archiv Unfallzeitung.de
© Stefan Körber - Fotolia.com
© Archiv Unfallzeitung.de
Von RobGal am 14. Februar 2012, 16:34 Uhr veröffentlicht
Themen: Politik | Technik | Unfall
Kommentare
Geschrieben von Benedikt Wortmann am 29. Februar 2012, 19:34 Uhr:
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