Wenn Autos Verkehrszeichen zu lesen versuchen
Ernüchternder 3000-km-Test mit der Verkehrsschild-Erkennung von Ford
Manchem Vielfahrer, der gerne ein wenig flotter unterwegs ist, flattern sie immer wieder in Haus: Porträtfotos von Blitzern, denen eine gemessen an der Qualität der Fotos viel zu hohe Rechnung wegen Tempoüberschreitung beigefügt ist. Doch nicht immer ist es ein bewusst zu fester Tritt aufs Gaspedal, der die Fahrt schneller als erlaubt hat werden lassen. Denn beim auf vielen Strecken ständigen und oft verwirrenden Wechsel der zulässigen Höchstgeschwindigkeiten passiert es immer wieder, dass man die Übersicht verliert und plötzlich nicht mehr genau weiß, ob man nun gerade 80, 100 oder 60 km/h oder irgendein anderes Tempo fahren darf. Dann kann es ausgesprochen hilfreich sein, wenn einem vom Navigationssystem oder besser noch einem System zur Verkehrszeichenerkennung angezeigt wird, welches Tempolimit aktuell gilt.
Tempolimits in Echtzeit angezeigt
Zu den Fahrzeugherstellern, die eine Verkehrszeichenerkennung anbieten, gehört seit einem guten Jahr auch Ford. Denn die Verkehrsschild-Erkennung des neuen Focus erfasst mit ihren hinter der Frontscheibe montierten Kameras die an den Seiten der Fahrbahn und auf Schilderbrücken über der Fahrbahn angezeigten Verkehrszeichen. Mit Hilfe einer raffinierten Software kann sie aus deren Fülle sowohl Geschwindigkeitsbegrenzungen als auch Überholverbote und deren Aufhebung herausfiltern, die dem Fahrer in seinem Instrumentenbrett angezeigt werden. Und diese Anzeigen sind, im Unterschied zu den Angaben von Navigationssystemen, die schnell veralten, dann auch tatsächlich aktuelle Echtzeitinformationen. Und damit empfehlen sie sich auf den ersten Blick als wertvolle Hilfe, wenn man mit dem Auto unterwegs ist.
Bislang leider nur sehr bedingt brauchbar
Doch nach einer 3000-Kilometer-Testfahrt durch Deutschland, Österreich, die Schweiz, Italien und Frankreich hat uns dieses auf den ersten Blick so moderne und hilfreiche System zusehends enttäuscht. Denn je länger wir fuhren, desto deutlicher zeigte sich, dass die von Ford angebotene Verkehrsschild-Erkennung im derzeitigen Entwicklungsstand leider nur sehr bedingt brauchbar ist. Denn jederzeit absolut zuverlässige Angaben über aktuelle Tempolimits und Überholverbote kann das System bislang noch nicht liefern. Obwohl es perfekt die Angaben über Tempolimits und Überholverbote auf den erfassten Schildern erkennt. kann es leider nicht ebenso eindeutig sagen, unter welchen Bedingungen diese Werte tatsächlich gelten.
Die vielen Zusatzschilder sind ein Problem
Denn unsere Schilderaufsteller ergänzen die für das System problemlos erkennbaren runden Schilder mit der Tempoangabe sehr oft durch kleine eckige Zusatzschilder. Und schon wenn auf deutschen Autobahnen unterm Tempo-80-Schild „Bei Nässe“ steht, ist die Software offenbar ebenso überfordert wie bei Tempo-30-Limits innerorts, die von „22 – 6 Uhr“ oder „Mo – Fr von 7 – 17 Uhr“ gelten. Denn als Fahrer bekommt man vom System allein die Anzeige, dass man nur 80 oder 30 km/h fahren darf. Den Inhalt des Zusatzschilds kann das System nicht erkennen. Und wenn die Angaben auf diesen Schildern denn auch noch fremdsprachig sind oder Gewichtsangaben enthalten oder einen Pfeil, der darauf hinweist, dass dieses Schild nur für eine Ausfahrt gilt, sind die von der Verkehrsschild-Erkennung dazu angezeigten Tempolimits ebenso wie eventuelle Überholverbote oft geradezu irreführend.
System oft völlig überfordert
So erfasste das System auf italienischen Autobahnen immer wieder die Tempolimits und Überholverbote für die Abfahrten und verlangte Tempo 40, und ein Überholverbot, obwohl wir auf der rechten Spur der Hauptfahrbahn unterwegs waren und Tempo 130 fahren durften. Oft wurden in Tunnels auch links an der Wand montierte Tempo-60-Schilder mit dem Zusatz „per i veicoli in uscita“ (für Fahrzeuge in der Ausfahrt) erfasst. Und völlig überfordert zeigte es sich, als es am Rande einer französischen Autobahn ein großes Schild identifizierte, auf dem Tempo 130 und gleich darunter Tempo 110 bei Regen gefordert wurde. Reine Zufallsangaben präsentierte das Display schließlich, als auf großen Schilderbrücken hinter Nizza auf einer Gefällstrecke drei verschiedenen Tempolimits je nach Fahrzeuggewicht vorgeschrieben waren und dazu am Straßenrand noch ein Tempo-90-Schild stand.
Temposchilder allein erkennen reicht nicht
Bitteres Fazit: Rein technisch ist die Verkehrsschild-Erkennung heute durchaus in der Lage, jede Art von Tempolimit-Schildern zu erkennen, ob nun als gemaltes Schild, ob als LED-Anzeige und ob bei Tag oder Nacht. Und auch zwischen Überholverboten für Pkw und Lkw kann sie sicher unterscheiden. Doch bislang kann das System nicht erkennen, unter welchen Zusatzbedingungen die jeweiligen Tempolimits gelten, welche Bedeutung der Standort des erkannten Schilds für dessen Gültigkeit hat und welche Bedeutung zwei unterschiedliche Tempolimits übereinander am gleichen Standort haben.
Manchmal geradezu verwirrend
Das ist nach unserer Erfahrung ein grundsätzliches Problem. Denn so lange die Schilderaufsteller die reine Tempoinformation von einer Fülle von für das System nicht erkennbaren und nicht bewertbaren Zusatzinformationen abhängig machen, die nur das Gehirn des am Fahrzeugsteuer sitzenden Menschen verarbeiten kann, bleibt die reine Tempoinformation für die Praxis letztlich wertlos. Und statt den Fahrer zu unterstützen, kann sie diesen mit ihrem zum Teil unsinnigen Angaben sogar extrem verwirren. Ein alles andere als überzeugendes Ergebnis für ein Informationssystem, dass den Fahrer bei seiner Arbeit eigentlich unterstützen soll.
Die Grenzen des aktuellen Systems
Da muss man zwangsläufig fragen, ob die Verkehrszeichenerkennung unter diesen Bedingungen überhaupt Chancen hat. In einem ausführlichen Gespräch mit Dr. Torsten Wey von der Ford-Entwicklung diskutierten wir unsere Erfahrungen. Und dabei bestätigte sich, dass das System im derzeitigen Entwicklungsstand durchaus seine Probleme hat. Abgesehen davon, dass es Schilder in einer Höhe unterhalb von einem Meter nicht lesen kann und damit die in der Schweiz oft eingesetzten dreieckigen Stoffaufsteller auf der Fahrbahn eben so wenig erkennt wie in Italien oft direkt auf der Fahrbahn aufgestellte Schilder in Baustellen, kann es die vielen Zusatzzeichen unter Tempolimitschildern nur im Prinzip erkennen. Und das derzeit auch nur, wenn sie ohne Abstand direkt darunter stehen, was das System mit einem Kasten unterhalb der Tempoangabe auf dem Display sogar anzeigen kann. Doch die Inhalte solcher Zusatzzeichen lesen und auswerten kann das System bislang tatsächlich nicht.
Hoffnung auf bessere Hard- und Software
Doch nach Ansicht des Ford-Entwicklers sollte man besser sagen noch nicht. Denn sein Entwicklungsteam sieht gute Chancen, dieses Problem schon in naher Zukunft in den Griff zu bekommen. Möglich machen sollen das auf der einen Seite Kameras mit deutlich höherer Auflösung, die die Inhalte von Zusatzschildern besser erkennbar machen. Und große Erwartungen setzt man in eine sehr viel leistungsfähigere Software zur Auswertung. Schon heute sei es im Prinzip möglich, Tempolimits für Ausfahrten und Abbieger zu erkennen und deren Anzeige für die Hauptfahrbahn zu verwerfen – doch die aktuellen Systeme können das derzeit noch nicht. Und große Erwartungen setzt man auch auf, wie Wey es ausdrückte, die „Fusion intelligenter Algorithmen“ – wie zum Beispiel die Kombination der in Navigationssystemen gespeicherten Daten mit den in Echtzeit ermittelten Schildern und darauf aufbauende Plausibilitätsbewertungen.
99 Prozent Treffer in fünf bis sechs Jahren
Noch, so Wey, sei der Mensch in seiner Interpretationsleistung der oft sehr kreativen und dann auch noch von Land zu Land unterschiedlichen Beschilderungen besser als Verkehrszeichenerkennungssysteme und von diesen nicht zu schlagen. Doch in einem Zeitraum von fünf bis sechs Jahren, so seine Perspektive, würden moderne Systeme zur Verkehrszeichenerkennung es auf eine Trefferquote von bis zu 99 Prozent bringen können – und das auch für die zahlreichen und so unterschiedlichen Zusatzangaben.
Als Eingreifsystem vorerst nicht geeignet
Nicht erreichbar sei nach derzeitigem Stand allerdings eine 100-prozentige Treffsicherheit. So hat die Verkehrsschild-Erkennung aus Sicht der Ford-Entwickler zwar durchaus Chancen, sich von einem derzeit den Fahrer lediglich mit Zusatzinformationen versorgenden Komfortfeature zu einem künftigen Sicherheitssystem zu entwickeln. Ob es allerdings so perfekt werden kann, dass es sich schließlich auch als Eingreifsystem in die Fahrzeugsteuerung eignet, bleibt erst einmal eine offene Frage.
Fazit der UnfallZeitung
Wer von der derzeit von Ford angebotenen Verkehrsschild-Erkennung erwartet, dass er sich dank deren Unterstützung voll auf im Display angezeigte oder auch nicht angezeigte Tempolimits und Überholverbote verlassen kann, muss schnell erkennen, dass diese Erwartungen nicht erfüllt werden. Denn die vielen Zusatzinformationen zu den Tempolimits und deren Gültigkeit muss man als Fahrer weiterhin selbst erfassen. Und man muss auch damit rechnen, dass das System einmal ein Schild übersieht. Dennoch kann die derzeit angebotene Verkehrsschild-Erkennung hilfreich sein, wenn man plötzlich verunsichert ist, ob ein Tempolimit existiert, ob aktuell Tempo 60 oder Tempo 80 gefordert wird oder man schneller fährt als erlaubt und das System dann warnt. Und so gesehen kann es sich schon nach kurzer Zeit im Sinne des Wortes bezahlt machen, indem es verhindert, dass man von einem Blitzer „erwischt“ wird.
Ingo von Dahlern/UnfallZeitung
Fotos + Film: Ford
Von Ivd/UnZe am 07. Februar 2012, 12:23 Uhr veröffentlicht
Themen: Technik | Tests
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