Wieder mehr Verkehrstote – und die ''Experten'' ratlos

Viele wortreiche Phrasen aber keine zielführenden Lösungen

Es ist vorbei mit den alljährlich sinkenden Zahlen der Verkehrstoten in Deutschland. Wie schon für 2014 so wurden auch für 2015 mehr Verkehrstote als im jeweiligen Vorjahr gezählt – konkret 3475 gegenüber 3377 im Jahr 2014 – also 98 oder 2,9 Prozent mehr. Und wenn man ein paar Jahre weiter zurückblickt, dann zeigt sich, dass die Zahlen bereits seit 2010 stagnieren. Der damals mit 3648 Verkehrstoten erreichte niedrigste Wert seit 1991, als noch 11300 Verkehrstote zu beklagen waren, wurde seitdem nie wieder erreicht.

Grund zur Panik ist das noch nicht, denn die Zahl der Verkehrsopfer ist, insbesondere auch mit Blick auf die meisten europäischen Nachbarn, in Deutschland immer noch erfreulich niedrig. Doch die Tatsache, dass der fast zwei Jahrzehnte erfolgte permanente Abwärtstrend seit nunmehr fünf Jahren definitiv gebrochen ist, sollte alle, die für die Verkehrssicherheit Verantwortung tragen, zum ernsthaften Nachdenken anregen. Das allerdings scheint für die meisten der hier anzusprechenden Institutionen eine Überforderung zu sein.

Das Verkehrsministerium schweigt

Dass vom Bundesverkehrsministerium zu dem immerhin vor gut zwei Wochen veröffentlichten Zahlen für 2015 bislang keine Stellungnahme erfolgte, ist zutiefst enttäuschend aber leider nicht überraschend. Denn es ist nicht von der Hand zu weisen, dass die seit Jahren vernachlässigte Infrastruktur unseres Straßennetzes alles andere als förderlich für die Verkehrssicherheit ist. Doch Fehlverhalten zu erkennen und auch zuzugeben, das ist für Verantwortungsträger in unserer Gesellschaft und vor allem in der Politik leider eine längst vergessene Tugend. Und den stattdessen aktiven Schönrednern scheint bislang noch nichts eingefallen zu sein.

Dem VCD fällt wieder nur ein nicht zieführendes Tempolimit ein

Das scheint allerdings auch für die zu gelten, die sich inzwischen zu Wort gemeldet haben. So forderte der ökologische Verkehrsclub VCD lautstark Tempolimits: 30 km/h als Basisgeschwindigkeit innerorts, 80 km/h auf schmalen Landstraßen und maximal 120 km/h auf Autobahnen. Dass auch die neueste Unfallstatistik deutlich zeigt, dass die Autobahnen mit gerade einmal 11 Prozent aller Verkehrstoten weiterhin die sichersten Straßen, wird dabei nicht beachtet. Und dass der aktuelle Zuwachs auf Autobahnen fast völlig auf mehr Unfälle mit Güterkraftfahrzeugen und hier insbesondere auf Sattelzugmaschinen entfällt, die maximal Tempo 80 fahren dürfen, wird bei der fast schon gebetsmühlenartig erhobenen Forderung nach Tempo 120 auf Autobahnen vom VCD überhaupt nicht beachtet. Stattdessen werden wie gewohnt Phrasen gedroschen wie „der verkehrspolitische Leitgedanke muss dem Ziel “Vision Zero – Null Verkehrstote„ folgen“.

ACE will Smartphones im Auto deaktivieren

Auch der Automobilclub ACE sieht Handlungsbedarf auf dem Gebiet folgenschwerer Autobahnunfälle durch zu hohes Tempo und zu dichtes Auffahren, ohne dabei zu erkennen, das es hier insbesondere um Nutzfahrzeuge geht, für die Tempolimits längst bestehen. Etwas konkreter wird er bei den Unfallursachen mit dem Hinweis auf Ablenkung der Fahrzeuglenker durch die extensive Nutzung von Smartphones am Steuer. Doch seine Forderung, derartige Geräte während der Fahrt automatisch zu deaktivieren, klingt zwar gut, ist aber absolut lebensfremd und passt nicht in eine Welt, wo alles mit allem „connected“ zu sein hat und jeder permanent erreichbar sein soll.

Handyverbot von Beginn an eine „Totgeburt“

Wann endlich wird einmal erkannt, dass das Handyverbot von Beginn an ein unsinniges Gesetz war, da es weder kontrollierbar noch durchsetzbar ist. Selbst in Ländern mit sehr hohen Strafen fürs Telefonieren am Steuer wird munter telefoniert und die Ablenkung dadurch potenziert, dass man auch noch darauf achten muss, dabei nicht ertappt zu werden. Sinnvoller als sinnlose Gesetze wäre es, sich Gedanken um technische Lösungen zu machen, die die Ablenkung beim offensichtlich unvermeidbaren Telefonieren während der Fahrt auf ein Minimum reduzieren, wie zum Beispiel praktische Halterungen, schnelle Integration der Smartphones ins Infotainment des Fahrzeugs und leicht bedienbare Sprachsteuerungen.

Gut dabei im Chor der Sprücheklopfer

Auch der ACE fühlt sich schließlich dem Ziel der EU-Verkehrssicherheitspolitik verpflichtet, die Zahl der Verkehrstoten bis 2020 im Vergleich zu 2010 zu halbieren. Auch ihm scheint nicht bewusst, dass diese „Vision Zero als Strategie zur aktiven Unfallverhütung“ nichts als eine wohlklingende Worthülse ohne einen sachlich erkennbaren und nachvollziehbaren Hintergrund und konkrete Handlungsanweisungen ist und damit nichts weiter als Phrasendrescherei. Und so stimmt er ein in den Chor der Sprücheklopfer und fordert: „Politische Aktivitäten auf dem Gebiet der Verkehrssicherheit sollen nach Ansicht des ACE zu einer Aufgabe mit gesamtgesellschaftlichem Anspruch weiterentwickelt werden“. Na dann wissen wir ja, worauf es ankommt!

DVR setzt aufs lukrative Tempoüberwachungsgeschäft

„Wir müssen den Schalter umlegen“, tönt dazu passend der Deutsche Verkehrssicherheitsrat (DVR) und erklärt: „Wir müssen uns jetzt mit einer konsequenten und gefährdungsorientierten Fokussierung auf die Maßnahmen konzentrieren, die den größten Nutzen versprechen.“ Da erkennt jeder auf den ersten Blick, worum es geht. Und der DVR wird sogar konkret, indem er eine konsequente Überwachung und Ahndung von erheblichen Geschwindigkeitsübertretungen fordert, um das Verhalten der Auto- und Motorradfahrer zu einer sicheren und angepassten Fahrweise zu beeinflussen. Gut gebrüllt! Doch auch „Verkehrssicherheitsexperten“ des DVR sollten irgendwann einmal erkennen, dass die inzwischen zu einem lukrativen Geschäftsmodell ausgebaute Tempoüberwachung mit immer höheren Übertretungsgebühren zwar blind diszipliniert und man auch am Ostermontag das Tempolimit vor einer leeren Schule einhält, weil es ja „von Mo-Fr“ gilt.

Blitzer als ertragreiche Gelddruckmaschinen

Der Beitrag solcher Maßnahmen bis hin zu publikumswirksamen Alibiveranstaltungen wie dem inzwischen alljährlichen „Blitzermarathon“ zu einem bewussten Anpassen der Fahrgeschwindigkeit an das aktuelle Verkehrsgeschehen ist gleich Null. Und damit wird das eigentlich zu erreichende Ziel absolut verfehlt. Und schlimmer noch, die meisten Akteure wissen das auch noch, wagen es aber nicht, die Wahrheit auch auszusprechen. Denn dann wären sie ja gezwungen, sich um wirklich zielführende Aktionen zu kümmern, die das so ertragreiche Geschäft mit den Blitzern als das entlarvten, was es heute längst ist: der Dauerbetreib raffinierter Gelddruckmaschinen.

Und um auf der populistischen Welle gut mitzuschwimmen, fordert der DVR dann auch noch ein absolutes Alkoholverbot am Steuer. Dabei zeigt der Blick in die ausführliche Statistik, dass bei den detailliert aufgeschlüsselten Unfallursachen weder der Alkohol noch nicht angepasste Geschwindigkeit zu einer Erhöhung der Opferzahlen beigetragen haben.

„Zero“ bei zielführenden Lösungsvorschlägen

Bitteres Fazit. Die Unfallzahlen sinken seit fünf Jahren nicht mehr wie gewohnt. Das ist, wie anfangs schon gesagt, angesichts der weiterhin vergleichsweise niedrigen Opferzahlen noch kein Grund zur Panik. Doch wer sich die Lösungsvorschläge der für die Verkehrssicherheit verantwortlichen oder sich verantwortlich fühlenden „Experten“ ansieht, muss erkennen, dass außer wortreichen aber inhaltlosen Stellungnahmen leider keine wirklich ernsthaft nachvollziehbaren und wirklich zielführenden Lösungen angeboten werden. Es geschieht nämlich praktisch nichts und statt „Vision Zero“ heißt das konkret deshalb nur schlicht „Zero“. Das allerdings könnte ein Grund sein, doch ein wenig in Panik zu geraten.

Text: Ingo von Dahlern/UnfallZeitung
Foto: © Jean-Baptiste Baudet - Fotolia.com

Von Ivd/UnZe am 14. März 2016, 13:21 Uhr veröffentlicht
Zuletzt bearbeitet am 15. März 2016, 13:04 Uhr
Themen: Politik | Sicherheit | Unfall



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