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Überraschend: Fiat-Chrysler lässt Fusion mit Renault platzen
FCA rückt von Fusionsangebot an Renault ab | Politische Voraussetzungen seien nicht gegeben | Welche Rolle spielt Nissan?

RobGal

Die Automobilbranche ist in umfassender Bewegung. Renault, Nissan und Mitsubishi auf der einen Seite und Fiat-Chrysler (FCA) auf der anderen Seite bilden schon jeweils für sich einen mehr oder weniger festen Zusammenschluss aus verschiedenen Automobilunternehmen mit jeweils weiteren Tochtermarken. So gehört zu Renault auch Dacia, zu Nissan gehört Infiniti. Bei Fiat sind Alfa Romeo, Fiat Professional (leichte Nutzfahrzeuge) und Maserati mit im Boot, bei Chrysler sind Dodge und Jeep dabei. Um nur die jeweils wichtigsten Automarken zu nennen.
Die neuen Herausforderungen für alle Hersteller der Fahrzeugindustrie sind in Forschung und Entwicklung, bei Mobilitätskonzepten der Zukunft und im internationalen Wettbewerb samt der dafür erforderlichen Investitionen so stark gewachsen, dass sich neue Kooperationen in den entsprechenden Arbeitsgebieten (E-Fahrzeuge, autonomes Fahren) herausbilden. Oder es kommt gleich zu ganzen Unternehmensverschmelzungen. So oder so will man außerdem Hoffnungen auf Synergieeffekte erfüllen und damit einhergehende Kostenreduzierungen und Gewinnerhöhungen erreichen.

In diesem Zusammenhang hatte Fiat-Chrysler Ende Mai ein Fusionsangebot an Renault gerichtet. Beide Konzerngruppen sollten je die Hälfte an einer gemeinsamen Gesellschaft halten, lautete der Vorschlag. Damit wäre der neue französisch-italienisch-amerikanische Konzern mit einem jährlichen Absatz von 8,7 Millionen Fahrzeugen der drittgrößte Autohersteller weltweit geworden. Hätten auch Nissan und Mitsubishi mitgemacht, die in einer loseren „Allianz“ mit Renault verbunden sind, wäre ein neuer Weltmarktführer entstanden und Volkswagen vom Thron gestoßen worden.

Renault und FCA hätten sich wahrscheinlich gut ergänzt: Die Franzosen fahren bei der Elektromobilität voraus, hier hinken die Italo-Amerikaner erheblich hinterher. Wahrscheinlich hätte Renault dem angeschlagenen Fiat-Chrysler-Konzern überhaupt gutgetan. Dafür ist FCA stark im international wachsenden SUV-Segment. Im Verbund hätten sich die Franzosen einfacher den wichtigen US-amerikanischen Automarkt vornehmen können und alle Partner zusammen den noch größeren Markt in China, wo sie einzeln derzeit keine so gute Figur machen.

Nun hat Fiat-Chrysler kurzfristig und überraschend sein Angebot für eine Fusion zurückgezogen. Die politischen Voraussetzungen für einen erfolgreichen Zusammenschluss seien nicht gegeben, heißt es von FCA. Zwar hatten beide Seiten das Zusammengehen begrüßt, doch hatte Renault zuletzt um einen zeitlichen Aufschub gebeten, um über den Eintritt in förmliche Fusionsgespräche entscheiden zu können. FCA war offenkundig nicht bereit, darauf einzugehen.

Was ist der Grund des Scheiterns?

Der französische Wirtschaftsminister Bruno Le Maire, der durch die staatliche Renault-Beteiligung ein Wort mitzureden hat, hatte zuvor gemeint, man solle sich Zeit lassen. In einer Erklärung seines Ministeriums waren vier Bedingungen aufgeführt worden: Erhalt von Arbeitsplätzen in Frankreich, Zusammenarbeit mit Deutschland für eine europäische Batteriezellenfertigung, Gleichgewicht der beiden Konzerne sowie Berücksichtigung der Allianz zwischen Renault, Nissan und Mitsubishi. Drei dieser vier Bedingungen waren aus französischer Sicht bereits erfüllt. Welche noch offen war, wurde nicht benannt.

Nicht auszuschließen ist, dass die Hochzeit an der Einbeziehung von Nissan und Mitsubishi scheiterte, denn die japanischen Autohersteller hatten sich zu der geplanten Fusion bis dato gar nicht geäußert. Das Verhältnis innerhalb der Renault-Nissan-Mitsubishi-Allianz ist seit Monaten angespannt. Der mittlerweile zurückgetretene langjährige Renault-Chef Carlos Ghosn verfolgte seit längerem ein engeres Zusammengehen, was Nissan und Mitsubishi ablehnen. Sie befürchten einen zu großen Einfluss der Franzosen. Ghosn hatte bereits gewichtige Positionen bei Nissan, Mitsubishi und der Allianz inne. Einen Höhepunkt erreichte dieser Konflikt mit den öffentlich gewordenen Betrugsvorwürfen gegen Ghosn in Japan, deren juristische Klärung noch aussteht. Auch nach Ghosns Ausscheiden aus der Allianz und aus den einzelnen Unternehmen hielten und halten die Avancen der Franzosen gegenüber Nissan und Mitsubishi an.

Als Grund für das Scheitern der Renault-FCA-Fusion ist auch ein mögliches Gerangel um Werke und Arbeitsplätze nicht auszuschließen. Sowohl die liberale französische Regierung unter Präsident Macron als auch die rechte Regierungskoalition aus Lega und Fünf Sterne in Italien stehen unter massivem Druck, für Arbeitsplätze und sozialen Ausgleich zu sorgen – was eine Einigung sicherlich nicht erleichtert haben wird.

Nach dem plötzlichen Rückzug von FCA ließ Wirtschafsminister Le Maire verlauten, dass Frankreich offen bleibe für Kooperationsgespräche. Mit wem, sagte er nicht. Auch Renault zeigte sich enttäuscht über die gescheiterte Fusion. Der Konzern erklärte, dass das Angebot zeitgemäß gewesen sei und ein „europäisches Kraftzentrum“ in der Automobilwirtschaft geschaffen hätte. Gleichwohl müssen noch manch komplizierte Fragen geklärt werden.
Quellen
    • Foto: © alphasprint - Fotolia.com | Text: Olaf Walther (kb)