Ein Achsmessgerät ist nur soviel wert, wie dessen Bediener!

Eines der häufigsten Argumente von Vertretern der Achsmessgerätehersteller während einer Verkaufsverhandlung ist, dass sie behaupten, „man könne bei diesem Gerät nichts mehr falsch machen!“ Das leuchtet auf den ersten Blick auch vielen Kunden ein, da man ja vom Menü durch das komplette Programm geführt wird und so vermeintlich nicht viel schief gehen kann. Ferner wird da oft die Messgenauigkeit von weniger als einer Minute in Szene gestellt. Was aber, wenn die Toleranz vom Fahrzeug oder der Messbühne her schon 10 mal größer ist? Wie sieht es mit der Wartung dieser hochkomplexen Technik aus? Kann man die Messgenauigkeit auch über Jahre beibehalten, wenn auf der gleichen Bühne auch repariert, gehämmert, geflext und geschliffen wird, dass der Dreck gerade so fliegt? Lassen sie mich zur Verdeutlichung der Problematik der Achsmessung einmal ein paar Beispiele aus der Praxis aufführen:


Ein neuer Experte als Autor


Die Unfallzeitung hat wieder einen neuen Experten als Autor dazu gewinnen können. Wir begrüßen den Rennfahrer und Fahrwerksspezialisten Wolfgang Weber. Herr Weber fährt für seine Teams nicht nur mit Verstand sondern auch mit dem Po. Er fühlt, erkennt und optimiert......der Weg zu einem perfekten Fahrwerk. Als Autor hat sich Wolfgang Weber ebenfalls bewiesen, sein erstes Buch mit dem Titel „Fahrdynamik in Perfektion“ wurde ihm praktisch aus der Hand gerissen. Die zweite Auflage mit dem gleichen Titel aus dem Motor Buch Verlag erschien am 31.10.2011. Ein Ratschlag von der Unfallzeitung, sofort bestellen es wird ebenfalls gleich vergriffen sein. Als Ausbilder konnte Herr Weber bereits vielen KFZ-Sachverständigen die Winkelwelt im Raum bildlich vor Augen führen. Wolfgang Weber im Wikipedia

Aus der Praxis geplaudert

Sommer 2007 in Ulm: Ein Seminar für Achsvermesser einer Reifenhandelskette. Mit meinen Teilnehmern wollte ich auf der dortigen Messbühne mein Fahrzeug nach allen Regeln der Kunst vermessen. Ein Audi A4 Quattro mit Vorspurkurve. Eines der Fahrzeuge, die am schwierigsten einzustellen sind, da fast alles an diesem Fahrzeug einstellbar ist und speziell die Vorspurkurve einiges an Know-How des Bearbeiters braucht. Bei der Vermessung bescheinigt mir das Messgerät einen Fahrachswinkel, also einen Schiefstand der Hinterachse von mehr als 30 Minuten! Da das Fahrzeug erst eine Woche vorher perfekt vermessen wurde, schenkte ich diesem Wert keinen Glauben und wir brachen die Messung ab, da ich nicht mit einem „krummen“ Fahrzeug wieder heim fahren wollte. Der Fehler war schnell gefunden: Ein paar Minuten später wurde das Fahrzeug eines Kunden vermessen, was wir beobachteten. Der Bearbeiter verdrehte bereits vor der Messung das Lenkrad auf ca. 10 Uhr nach links. Wir stellten Ihn daraufhin zur Rede. Er entgegnete: „Wenn ich das nicht mache, steht nachher bei der Probefahrt das Lenkrad schief. Der Vertreter, der das Gerät kalibrieren kann, kommt erst nächstes Jahr wieder!“ Scheut also der Chef die Kosten für die Kalibrierung? Scheut der Mitarbeiter die Folgen, wenn er erzählt, dass er den Messaufnehmer beim Abbau versehentlich an die 4-Säulen Bühne gehauen hat? Oder ist es schlicht und ergreifend Unwissenheit um die sensible Technik, die im Inneren eines Achsmessgerätes verbaut ist? Egal: Es gibt zu viele Fehlerquellen. Aber es ist schwierig, den schönen bunten Zahlen abzuschwören, die da am Bildschirm leuchten.

Die Hebebühne als Fehlerquelle?


Eine der häufigsten Fehlerquellen sind aber nicht die Messgeräte selbst, sondern die Hebebühnen. Ich mache jetzt seit über 15 Jahren Seminare im Bereich Achsmessung, habe aber erst zwei mal in meinem Leben eine wirklich gerade Bühne bei den unzähligen Vermessungen gehabt. Eine entdeckte ich bei einem Tuningbetrieb in München und Nummer 2 ist meine eigene uralte 4-Säulenbühne, welche übrigens mein Favorit ist! Eine 4-Säule hat nämlich 4 Faulenzer, auf denen man die Bühne absetzen kann. Diese sind sehr einfach mit einem Maulschlüssel justierbar. So kann man ohne Hilfe eines Vertreters der Herstellerfirma seine Bühne in Schuss halten. Wie genau sollte aber so eine Bühne „im Wasser“ stehen? Nehmen wir einmal die Sturzwerte der 4 einzelnen Räder. Dies haben meist eine maximal erlaubte Toleranz von 20-30 Minuten vom linken zum rechten Rad einer Achse. Wenn aber die Bühne schon 10-20 Minuten schräg steht, so wird man die Sturzwerte anschließend in Unwissenheit des Schrägstandes neu justieren. Später auf der Strasse zieht das Fahrzeug dann im schlimmsten Fall zu einer Seite und wird asymmetrischen Reifenverschleiß oder auch fahrdynamische Unterschiede zeigen. Deshalb habe ich immer eine digitale Wasserwaage im Gepäck. Mit dieser lassen sich Bühnen sehr einfach vermessen und einstellen. Ich toleriere hier nur einen maximalen Schrägstand von 0,05 Grad oder 3 Minuten! Übrigens muss die Bühne und auch das Fahrzeug auch in Fahrtrichtung exakt gerade stehen, da sonst die Nachlaufwerte falsch gemessen werden. Jeder Zentimeter Höhenunterschied von der Vorder- zur Hinterachse sind ca. 10 Minuten Messfehler. Wenn jetzt ein Bearbeiter bei einem Frontantrieb mit Verbundlenker-Hinterachse nur vorne Drehplatten unterlegt, hinten aber mangels der Einstellmöglichkeiten keine Schiebeplatten für nötig hält, dann steht das Fahrzeug vorne ca. 4cm zu hoch. Der Nachlauf ist schon jetzt dadurch aus der Toleranz. Ein weiterer Fall von Unwissenheit, den das Achsmessgerät nicht erkennt und der unwissende Kunde hat am Ende das Nachsehen und die Mehrkosten. Scherenbühnen sind hier noch sensibler und sollten nur in einer Hubhöhe zum Vermessen benutzt werden, da die Verzahnungen, auf denen man absetzt, alle unterschiedliche Toleranzen haben. Wenn sie eine Scherenbühne mehrmals rauf und runter fahren und jeweils den Schrägstand messen, werden sie auch fast jedes mal einen anderen Wert erhalten.

Das Messgerät folgt stur dem Programm und Sie? Vertrauen Sie stur den Ergebnissen?

Geht es um die Feststellung von defekten Teilen im Rahmen eines Schadengutachtens, wird die Sache noch viel komplexer. Hier sind vor allem die sekundären Winkel, also Spreizung, Nachlauf, eingeschlossener Winkel und die Spurdifferenzwinkel interessant. Diese geben dem Gutachter die Möglichkeit, genaue Rückschlüsse auf die beschädigten Teile wie Querlenker, Stützlager oder Radträger zu ziehen. Wer von Ihnen hat schon einmal einen Bearbeiter am Achsmessgerät angetroffen, der diese Winkel in Funktion, Wirkung und Reifenverschleißbild erklären konnte? Und wie kommt ein Messgerät auf diese Winkel? Dieses Wissen ist aber unabdingbar, um eine fehlerfrei exakte Messung abzuliefern, für die der Gutachter am Ende seinen Kopf hinhalten muss, da dieser für seine Arbeit verantwortlich ist. Ein trauriges Beispiel zu diesem Thema ist die Spreizung. Diese wird über 2 Lenkeinschläge von je 20 Grad gemessen. Daraus berechnet der Computer dann die beiden Spreizungswinkel, die z.B. Rückschluss auf verformte Querlenker geben können. Bei dieser Messung stützt sich das Messgerät auf die Radverdrehung während des Lenkeinschlages. So muss unbedingt die Lenkachse mit dem Rad fest verbunden werden. Dies geschieht mit einem Bremsspanner, der gewissenhaft, also fest eingesetzt werden muss. Fakt ist aber, dass durch Unwissenheit oder schlicht Faulheit, dieser in den meisten Fällen nicht eingesetzt wird. Bei vielen Gutachten forderte ich bereits telefonisch eine zweite Messung an mit dem Hinweis, den Bremsspanner auch definitiv zu benutzen. Ein erster Hinweis auf die mangelnde Qualität der abgelieferten Arbeit ist die Rückfrage: „Woher wissen sie das denn, dass wir den nicht eingesetzt hatten?“ Siehe da, bei fast allen Fällen erhielt ich im zweiten Anlauf ein völlig anderes Messprotokoll.
Sturzwerte können nur gemessen werden, wenn die Spur innerhalb der Toleranz steht. Was soll man bei einer durch Unfall verbogenen Spurstange dann aber tun? Meist sieht der Bearbeiter oder Gutachter darin einen defekten Querlenker. So müsste ein wissender Achsmesser nur jedes Rad einzeln mit dem Lenkrad auf Spur geradeaus drehen, um den aktuellen Spurwert ablesen zu können und dies bei den Bemerkungen auf dem Protokoll angeben. Hierzu könnte er die Spalte „Eingangsmessung“ für das linke und die für „Ausgangsmessung“ für das rechte Rad verwenden. Haben sie so eine Vorgehensweise schon einmal erlebt? Nein? Dann hatten sie noch nie einen guten Achsmesser angetroffen.
Den so entstehenden Schaden, der durch solche Messfehler entsteht, bezahlen wir alle gemeinsam über die stetig steigenden Versicherungsprämien, da meist viel zu viel an Teilen getauscht wird.

Der Fehler wird selbst verbaut


„Felgenschlagkompensation“. Ein schönes Wort. Wissen Sie, was es genau bedeutet? Klar, der Schlag der Felge muss kompensiert werden, oder? Hinterfragt man mal genau, woher denn ein Messfehler im Rundlauf kommt, so wird man harausfinden, dass die Felge an sich sehr selten einen Schlag hat! Die verdreckten Anlageflächen zwischen Radnabe und Bremsscheibe oder zwischen Bremsscheibe und Felge sind hier weit öfter die Übeltäter. Der Oberschurke zu diesem Thema ist aber die Haltevorrichtung der Messtechnik am Rad selbst! Diese wird selten gerade und fest angesetzt, schon um die hochwertigen glänzenden Felgenränder nicht zu beschädigen. Dies ist aber kein Problem, wenn die Kompensation durchgeführt wird, denn diese gleicht den Schiefstand präzise aus. Ein Teilnehmer in einem Seminar sagte zu mir eines Tages: „Mein Chef zwingt mich, diese Kompensation zu überspringen, da Felgen selten einen Schlag haben!“ So bleibt mehr Profit übrig, auf Kosten des Kunden. Ich könnte hier wohl noch viele weitere Fehler aufführen, bis uns allen die Haare zu Berge stehen. Ich benutze als Achsmessgerät seit Jahren die Koch Easy Touch 10. Ich hatte bei Fahrt geradeaus noch nie ein schief stehendes Lenkrad. Diese Anlage ist genial einfach aufgebaut und entbehrt so fast jeglicher Wartung.

Ein Tipp zum Schluss an die KFZ-Sachverständigen: Suchen Sie sich für Achsmessangelegenheiten einen kompetenten Betrieb und beobachten mehrere Messungen persönlich. Nehmen Sie auch mal eine digitale Wasserwaage mit, die es sogar bei Discountern wie Aldi oder Lidl zu kaufen gibt. Sie werden einige Zeit suchen, bis sie den richtigen gefunden haben, aber es ist die Sache wert. Wir schulen nun seit 15 Jahren zum Thema Achsmessung und stellen mehr und mehr fest, dass es auch wirklich nötig ist, die Achsmesser, Gutachter und auch Versicherer hier fortzubilden

Wolfgang Weber
Fotos: © Uwe Annas - Fotolia.com
© Wolfgang Weber

http://www.wwmotorsport.de/index2.htm
http://www.quantyapark.de/index2.htm
http://www.mathol-racing.de/
http://de.wikipedia.org/wiki/Wolfgang_Weber_%28Rennfahrer%29

Von RobGal am 19. April 2013, 06:49 Uhr veröffentlicht
Zuletzt bearbeitet am 19. April 2013, 09:45 Uhr
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